Der Briefkasten bleibt oft mehrere Tage ungeöffnet. Yvonne* weiß, dass darin amtliche Schreiben liegen könnten, Rechnungen oder Bescheide. Allein der Gedanke daran löst Panik aus. „Ich mache die Post nur auf, wenn Herr Manthey da ist“, sagt sie. Wenn Sozialpädagoge Manuel Manthey zu ihr kommt, setzen sie sich gemeinsam an den Küchentisch und öffnen die Umschläge. Was für Außenstehende banal wirkt, ist für Yvonne ein wichtiger Schritt, um ihren Alltag überhaupt bewältigen zu können.
Unterwegs statt Schreibtisch
Jeden Tag fährt Manuel Manthey los, zu Menschen nach Hause, die Unterstützung brauchen, um ihren Alltag zu strukturieren. Er arbeitet in den Fachambulanzen Sucht des Lukas-Werks in Braunschweig und Wolfenbüttel im Bereich der Qualifizierten Assistenz beim Wohnen. Die Klient:innen leben eigenständig, befinden sich jedoch oft an der Grenze dessen, was gerade noch möglich ist.
Yvonne ist eine von ihnen. Seit mehreren Jahren arbeitet sie mit Manthey zusammen. Sie ist eine von 290 Klient:innen, die das Lukas-Werk im vergangenen Jahr in Südostniedersachsen ambulant betreut hat. Als sie 2021 erstmals das Angebot wahrnahm, ging es ihr sehr schlecht. „Ich war labil, hatte viele Rückfälle und keinen Halt“, erinnert sie sich. Ein Burnout, die Trennung von ihrem Mann, Alkoholabhängigkeit und depressive Episoden hatten ihr Leben aus der Bahn geworfen. „Man fühlt sich wertlos. Früher hat man funktioniert – und plötzlich geht gar nichts mehr.“
Beziehungsarbeit auf Augenhöhe
Die Qualifizierte Assistenz beim Wohnen ist ein freiwilliges Angebot der Eingliederungshilfe nach dem Bundesteilhabegesetz. Manthey versteht seine Arbeit als Beziehungsarbeit auf Augenhöhe. „Am Anfang habe ich Yvonne oft suchen müssen“, erzählt er. Verabredete Termine platzten, Anrufe blieben unbeantwortet.
Doch Manthey fand sie. „Ich musste erst zeigen: Ich bin da. Verlässlich.“ Auch oder gerade dann, wenn Yvonne es nicht sein konnte. Diese Verlässlichkeit wurde zum Wendepunkt. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen – und damit die Offenheit. Yvonne spricht heute ehrlich über Rückfälle, Suchtdruck und Suizidgedanken. „Ich weiß, dass ich keine Vorwürfe bekomme“, sagt sie. Für Manthey ist diese Ehrlichkeit ein Zeichen von Stabilität: „Nur dann können wir reagieren.“
Kleine Schritte, große Wirkung
Die Unterstützung ist bewusst alltagsnah und niedrigschwellig: Post öffnen, Anträge besprechen, Telefonate mit Behörden gemeinsam führen. Oft sitzen beide in Yvonnes Küche oder Wohnzimmer. Schritt für Schritt übernimmt sie Aufgaben wieder selbst – in ihrem Tempo mit dem Ziel, so selbstständig wie möglich zu leben. Ein Meilenstein war der Umzug in die eigene Wohnung vor drei Jahren. „Seitdem geht es mir besser“, sagt Yvonne. Alleine zu leben, Abstand zu konsumierenden Beziehungen zu gewinnen und eine Tagesstruktur aufzubauen – unter anderem durch den Besuch einer Tagesstätte – haben wesentlich zu ihrer Stabilisierung beigetragen. Auch therapeutische Schritte, wie der Beginn einer Traumatherapie, geben ihr neue Hoffnung.
Vertrauen, das trägt
Manthey begleitet diesen Prozess, ohne ihn zu steuern. Er motiviert, fragt nach, hält aus. „Wir arbeiten an Zielen, die realistisch sind“, erklärt er. „Und wir schauen früh auf Warnzeichen.“ Wenn es kritisch wird, bleibt der Kontakt eng: durch Telefonate, Absprachen im Netzwerk und gegebenenfalls die Vermittlung in weitere Hilfen. „Man sieht Entwicklungen, nicht nur Momente“, sagt er. Oder wie Yvonne es formuliert: „Herrn Manthey brauche ich nichts mehr vorzumachen.“
*Name von der Redaktion geändert
Ein ambulantes Angebot der Eingliederungshilfe
Qualifizierte Assistenz beim Wohnen ist ein ambulantes Angebot der Eingliederungshilfe für Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen oder psychischen Erkrankungen. Ziel ist es, die selbstständige Lebensführung im eigenen Wohnraum zu erhalten oder zu stabilisieren. Die Unterstützung erfolgt individuell und alltagsnah – zum Beispiel bei behördlichen Angelegenheiten, der Tagesstruktur, der Gesundheitsversorgung oder in Krisensituationen. Die Begleitung ist freiwillig und orientiert sich an den persönlichen Zielen der Klient:innen.
Das feiern wir...
Seit fünf Jahren begleitet Manuel Manthey Klient:innen des Lukas-Werks im Rahmen der Qualifizierten Assistenz beim Wohnen „Es ist immer wieder großartig zu sehen, wenn meine Klient:innen kleine oder große Erfolge verzeichnen“, sagt er. Mindestens genauso sehr feiert er seine Kolleg:innen: „Ich bin ja bei meiner Arbeit viel allein unterwegs,und oft sehr nah dran an schweren Schicksalen. Da hilft mir der regelmäßige Austausch mit dem Lukas-Werk-Team. Fallbesprechungen, kollegiale Beratung und kurze Rücksprachen geben mir den nötigen Rückhalt.“
Text: Petra Neu // Foto: Andreas Rodemann
