Mehr als 52 Millionen Minuten Leben

– Alles Gute –

Als Franz Rydel an diesem Morgen in der Tagespflege in Schwülper ankommt, klebt noch Konfetti an seiner Jacke – geworfen am frühen Morgen von seinem Urenkel. Später wird es noch einmal bunt: Auch hier, mitten in der Tagespflege, fliegen die kleinen Papierschnipsel durch den Raum. Denn Franz Rydel feiert seinen 100. Geburtstag.

Geburtstagskind - 100 Jahre alt - wird im Rollstuhl in die Tagespflege gemacht.

„Ich fühle mich wohl dabei.“

Als er im Rollstuhl hereingebracht wird, erklingt „Zum Geburtstag viel Glück“ aus den Lautsprechern. Gäste, Betreuungs- und Pflegekräfte stimmen ein, manche haben Tränen in den Augen. Und auch Rydel selbst wischt sich Tränen der Rührung aus dem Gesicht. Betreuungskraft Maren Santelmann liest die liebevoll gestalteten Plakate vor, die an der Wand hängen: „Heute ist ein toller Tag, denn du bist 100 Jahre alt.“ Das sind genau 52.594.920 Minuten Leben, haben die Mitarbeitenden ausgerechnet. Und er selbst? Bleibt bescheiden: „Ich fühle mich wohl dabei.“

So viel Leben

Geboren wird Franz Rydel in Altfelde in Westpreußen, heute Polen. 1940 verlässt er die Schule, arbeitet zunächst in der Landwirtschaft und träumt davon, Reit- und Fahrlehrer für Pferdegespanne zu werden. Doch der Krieg durchkreuzt diese Pläne. 1944 wird er zur Wehrmacht eingezogen, zur Infanterie ausgebildet und gerät später in Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung steht er vor dem Nichts. Familie und Heimat – verschwunden, geflohen, unauffindbar. „Ich wusste nicht, wohin.“ Also ging er seinen eigenen Weg, Richtung Westen. „Da war nur ein Stacheldraht – und dann hatte ich es geschafft.“ 

Im Wendland beginnt er ein neues Leben. Er lernt seine Frau kennen, 1951 heiraten sie, ihr Sohn wird geboren. Der Anfang ist bescheiden: „Wir hatten einen Tisch aus Apfelsinenkisten“, erzählt er. Auch das Bett besteht nur aus einem Gestell mit Matratze. 

Er arbeitet als Maurer, jahrelang, körperlich schwer. Der Rücken leidet – so sehr, dass er zeitweise ein Korsett tragen muss. Heute ist er auf Hilfe angewiesen, wird mit einem Lifter ins Bett gehoben. Er nennt ihn schmunzelnd seinen „Kran“. 1962 zieht die Familie nach Lagesbüttel, in ein Haus – eine ehemalige Bäckerei –, das der Schwiegervater gekauft hat. Neben der Arbeit bleiben viele Erinnerungen: an gemeinsame Reisen an die Nord- und Ostsee. Auch daran, wie er seinen Sohn, einen talentierten Radrennfahrer, quer durch Deutschland zu Wettkämpfen begleitet. Bis zu seinem Eintritt ins Rentenalter war Franz Rydel vieles: Sohn und Vater, Soldat und Gefangener, Maurer, Jäger, Hauswirtschafter, Koch – und schließlich auch Pfleger, als seine Frau ihn in ihrer letzten Lebenszeit brauchte.

Geschmückter Raum der Tagespflege zum 100. Geburtstag

Ein Ort, an dem etwas passiert

Nach dem Tod seiner Frau wird es stiller und einsamer zuhause. Seit drei Jahren kommt Franz Rydel in die Tagespflege. Dreimal pro Woche ist er hier. „Hier passiert was“, sagt er – und das ist ihm wichtig. 

Am liebsten macht er Gymnastik. Wenn er dabei die Schultern bewegt, sieht man ihm die Freude an. Auch Gedächtnisspiele gehören dazu: „Das hält den Kopf wach.“ Vor allem aber schätzt er die Gemeinschaft: Gespräche, Spiele, gemeinsames Lachen und Freundschaften, die entstanden sind. Menschen, die an diesem Tag ebenfalls an ihn denken, ihn umarmen und beschenken. 

Nach einer Menge Zeit allein zu Hause bedeutet ihm das viel. „Ein Tag hier, ein Tag zu Hause – das ist gut.“ Für ihn ist die Tagespflege mehr als Betreuung. Es ist ein Ort, an dem Miteinander gelebt wird.

Was wirklich zählt

100 Jahre leben ist ein Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen. Doch den einen großen Rat für junge Menschen möchte er nicht geben. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden“, sagt er. Dann ergänzt er doch noch schmunzelnd: „Nicht zu viel rauchen und trinken.“ Und was war das Wichtigste in seinem Leben? Franz Rydel überlegt nicht lange: „die Familie.“ Eine Familie, die er – auf gewisse Weise – auch in der Tagespflege in Schwülper gefunden hat. Hier, wo er heute seinen 100. Geburtstag feiert.

Text: Petra Neu // Fotos: Andreas Rodemann, esn

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