Woran erkennt man psychische Belastungen, warum fällt es vielen Menschen schwer, Hilfe anzunehmen und welche Unterstützungsmöglichkeiten bieten die Lukas-Werk Gesundheitsdienste an? Darüber haben wir anlässlich der Woche der seelischen Gesundheit mit zwei Fachkräften des Lukas-Werks gesprochen. Sozialarbeiterin Sandra Ermert aus dem Rehabilitationszentrum St. Leonhard und Sozialpädagogin Anna Brennecke aus der Fachambulanz Sucht Braunschweig beantworten Fragen zu Warnsignalen, Hilfsangeboten und dem Weg in die Unterstützung.
Sandra Ermert: „Einsamkeit und soziale Isolation sind Risikofaktoren für seelische Gesundheit und häufig auch Bestandteil von psychischen Erkrankungen. Daher trägt mehr Gemeinschaft, echte Zuwendung und aufeinander achten zu einem gesunden Miteinander bei. Ob gegenseitige Unterstützung im Alltag in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Ein starkes soziales Netz wirkt demnach als Schutzfaktor
Außerdem zeigt es, dass psychische Erkrankungen keine individuelle Schwäche sind, sondern jede seelische Gesundheit gleich viel zählt.“
Anna Brennecke: „Wir leben in einer Zeit, in der die digitale Welt mit den sozialen Medien eine immer größere Bedeutung bekommt. Das soziale Leben findet immer häufiger „online“ statt. Meiner Meinung nach kann das aber den „echten“ Kontakt, die Kommunikation untereinander und ein freundliches Miteinander nicht ersetzen. Das hat natürlich auch mentale Auswirkungen. Menschen ziehen sich in die digitale Welt zurück. Ich halte es für wichtig, weiterhin miteinander im Gespräch zu bleiben, mitzubekommen wie es einer Freundin und dem Nachbarn geht – eben füreinander da zu sein und sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.“
Sandra Ermert: „Zur seelische Gesundheit gehört für mich ein stabiles Selbstwertgefühl, verbunden mit einem positiven Selbstbild sowohl die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Außerdem die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren sowie Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen und mitteilen zu können. Aber auch mit anderen Menschen in Beziehung treten zu können und sich zugehörig zu fühlen.“
Anna Brennecke: „Für mich bedeutet seelische Gesundheit nicht, immer glücklich zu sein, keine Sorgen zu haben oder ständig stark sein zu müssen. Vielmehr geht es darum, sich selbst mit allem, was man fühlt und erlebt, annehmen zu können.“
Sandra Ermert: „Die Warnsignale sind sehr individuell und können auf den unterschiedlichen Ebenen, physisch, psychisch und kognitiv, auftreten. Also zum Beispiel Symptome wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Tinnitus oder Magen-Darm-Beschwerden, aber auch Ängste, gereizte Stimmung, Reizempfindlichkeit oder Einschränkungen in der Konzentrationsfähigkeit. Wichtig ist, diese wahrzunehmen und ernst zu nehmen.“
Anna Brennecke: „Frühwarnsignale für psychische Belastungen sind Veränderungen im Denken, Fühlen und Verhalten, die darauf hinweisen können, dass es einem Menschen seelisch nicht gut geht. Oft entwickeln sie sich schleichend, sodass man sie selbst oder das eigene Umfeld zunächst kaum bemerkt. Menschen fühlen sich beispielsweise häufiger traurig, reagieren gereizter oder ziehen sich immer mehr zurück. Aber auch das ist sehr individuell. Nicht jede Traurigkeit deutet gleich auf eine psychische Erkrankung hin. Hier ist es dann immer gut, mit Menschen zu sprechen, die sich damit auskennen (Ärzte, Beratungsstellen etc.).“
„Für mich bedeutet seelische Gesundheit nicht, immer glücklich zu sein, keine Sorgen zu haben oder ständig stark sein zu müssen. Vielmehr geht es darum, sich selbst mit allem, was man fühlt und erlebt, annehmen zu können.“
Anna Brennecke
Sandra Ermert: „Scham und ein hohes Leistungsmotiv. Viele haben gelernt, dass man für Leistung anerkannt und wertgeschätzt wird und kennen sich dementsprechend auch hauptsächlich als funktionierende und leistungsstarke Person. Dementsprechend ist die Fallhöhe und die Scham recht groß, plötzlich (nachdem viele kleine Warnzeichen ignoriert und die eigenen Grenzen übergangen wurden) nicht mehr zu funktionieren.“
Anna Brennecke: „Ich glaube, dass viele Menschen sich bei mentalen Problemen keine Hilfe suchen, weil es ihnen schwerfällt, sich einzugestehen, dass sie gerade Unterstützung brauchen. Dabei spielen oft nicht nur die Probleme selbst eine Rolle, sondern auch die Ängste, Gedanken und Erfahrungen, die damit verbunden sind. Hierzu zählen Themen wie Scham und Selbstzweifel, der Anspruch, alles allein schaffen zu müssen oder die Angst vor Verletzlichkeit.“
Sandra Ermert: „Ich würde sagen, sobald das Gefühl entsteht, alleine nicht mehr weiterzukommen oder auch wenn nahestehende Personen einen Hinweis darauf geben.“
Anna Brennecke: „Viele Menschen warten sehr lange, bevor sie sich Hilfe holen. Sie hoffen, dass es von allein besser wird, versuchen, weiter zu funktionieren, oder vergleichen ihre Probleme mit denen anderer. Dabei vergessen sie manchmal, dass auch ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse wichtig sind. Meist ist der richtige Zeitpunkt bereits, wenn man selbst merkt, dass es einem nicht gut geht und nicht erst dann, wenn nichts mehr funktioniert.“
Sandra Ermert: „Im Rehazentrum, sowohl in der Reha-Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen als auch in der Reha-Tagesklinik für Psychosomatik, sind es häufig Themen im Umgang mit den eigenen Emotionen, Bedürfnissen und Grenzen. Vielen fällt es schwer, auch mal „Nein“ zu sagen und ihre persönlichen Grenzen aufzuzeigen bzw. haben überhöhte Ansprüche bis hin zum Perfektionismus über die Jahre verinnerlicht und schaffen es nicht, ihren eigenen Ressourcen entsprechend zu handeln, ihre tatsächlichen Bedürfnisse wahrzunehmen und auch mal eine Pause zu machen. Damit einher geht häufig ein hohes Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein und daraus folgend eine hohe familiäre oder berufliche Aufopferungsbereitschaft.“
Anna Brennecke: „Bei uns in der Fachambulanz wenden sich Menschen mit Schwierigkeiten im Umgang mit Substanzen, wie Alkohol, Cannabis, Medikamenten oder illegale Drogen. Aber auch Depressionen, Ängste und Überforderung im Alltag sind häufige Themen.“
„Vielen fällt es schwer auch mal Nein zu sagen und ihre persönlichen Grenzen aufzuzeigen.“
Sandra Ermert
Sandra Ermert: „Das Rehazentrum bietet in erster Linie ganztägig ambulante Rehabilitation an, also tagsüber Therapie und nachmittags sowie am Wochenende im eigenen häuslichen Umfeld. So kann das in der Therapie erlernte direkt in der persönlichen Lebensrealität des Rehabilitanden umgesetzt werden.“
Anna Brennecke: „Das Lukas-Werk bietet eine sehr vielseitige Unterstützung an. Wir beraten und behandeln zum Beispiel Menschen und deren Angehörigen bei einer Suchterkrankung. Wir behandeln in unserer Tagesklinik für Psychosomatik aber auch Menschen in persönlichen Krisen oder mit mentalen Herausforderungen.“
Sandra Ermert: „Es findet jährlich ein Ehemaligentreffen statt, zu dem ehemalige Rehabilitanden eingeladen werden. Und dort erhalten wir häufig die Rückmeldung, dass die Zeit in der Reha eine ganz besondere war, die ihre Gesundheit nachhaltig beeinflusst hat und sie gerne daran zurückdenken.“
Anna Brennecke: „Ja, die haben wir hier natürlich immer wieder. Es ist einfach toll zu sehen, wenn es den Menschen während und/oder nach unserer Behandlung wieder besser geht. Das ist das Beste hier an unserer Arbeit!“
Anna Brennecke: „Einfach kommen! Dadurch können am besten Vorurteile und/oder Ängste abgebaut werden. Jeder hat die Möglichkeit, sich hier erstmal zu informieren, um dann in Ruhe zu entscheiden, ob das eine passende Behandlungsmöglichkeit sein kann.“
Sandra Ermert: „Genau! Mutig sein und den Schritt wagen.“
Kleine Dinge im Alltag, die man für seine seelische Gesundheit tun kann
- Große und kleine Herausforderungen in kleine Schritte aufteilen, Aufgaben planen und terminieren.
- Sich einen „Faulenzer-Tag“ nicht mit schlechtem Gewissen, sondern als „sinnvolle/hilfreiche Investition“ einplanen.
- Kapazitäten prüfen und auch mal „Nein“ sagen. Einen freien Termin zu haben, heißt nicht, dass dieser auch verplant werden muss.
- Mutig sein und sich die Chance auf positive Erfahrungen geben.
- Etwas zu können, heißt nicht, es auch tun zu müssen.
