Marcel Stanscheit lebt mit einer Behinderung in Neuerkerode. Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Evangelischen Stiftung Neuerkerode und den Basketball Löwen Braunschweig darf er nun für eine ganze Spielzeit als inklusiver Langzeitpraktikant bei den Löwen mitarbeiten. Bezahlt, mit festen Aufgaben – und ganz nah dran am Profisport. Ein Blick auf seinen ersten Einsatz beim Saisonauftakt gegen Trier.
Es ist Samstagnachmittag, das erste Saisonspiel 2026/27 steht an. Doch während die meisten Fans noch zu Hause sitzen, ist Marcel Stanscheit schon unterwegs. „Dann fahre ich mit dem Bus von Neuerkerode zur Halle.“ So wie er es ab sofort bei jedem Heimspiel der Saison tun wird. Drei Stunden vor Anpfiff beginnt sein Einsatz. In der Halle herrscht bereits geschäftiges Treiben. Vorne werden die Ticketscanner aufgebaut, an den Ständen füllen Mitarbeitende die Auslagen mit Laugenbrezeln und Snacks, unter der Hallendecke hängt der Fernsehwürfel, Techniker:innen checken, Ton und Mikrofone. Im Pressebereich werden die letzten Tische gerichtet.
Mittendrin: Marcel, der von Löwen-Mitarbeitenden, die ihn bereits aus dem inklusiven Basketballtraining kennen – einem Angebot, das die Löwen gemeinsam mit Neuerkerode durchführen –, mit Handschlag begrüßt wird. Aufgeregt ist er trotzdem. Es ist schließlich sein erster Einsatz in seinem neuen Praktikum.
Seine erste Aufgabe: „Ich beziehe ungefähr 250 Plätze im Familienblock mit Bezügen von einem Sponsor.“ Später, wenn es um die Klatschpappen geht, kommt der Hubwagen zum Einsatz – damit holt Marcel Stanscheit sie aus dem Lager und platziert sie am Halleneingang. Danach hilft er beim Aufbau am Merchandise-Stand und bestückt einzelne Fächer mit Produkten, bevor er im VIP-Bereich bei der Tischdekoration unterstützt.


Selbstbestimmt und eigenverantwortlich
Unterstützt wird Stanscheit dabei von Tanja Klaslo, Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung im Bereich Arbeit und Beschäftigung (WfbM) in der Wohnen und Betreuen. Sie ist seine feste Bezugsperson im Arbeitsbereich WfbM. An den Anruf, mit dem sie ihm von der Zusage erzählte, erinnert sich Marcel noch genau – er konnte kaum glauben, dass er dafür ausgewählt wurde.
„Für Marcel ist es vor allen Dingen wichtig, dass er selbstbestimmt und eigenverantwortlich arbeiten kann“, sagt Tanja Klaslo. „Wie jeder Mensch identifiziert er sich mit seiner Arbeit – eine essentielle Säule für ein entspanntes und bereicherndes Lebensgefühl sowie Lebensqualität. Gerade die Basketball Löwen, ein namhaftes Unternehmen mit großer Plattform, vielen Followern und Reichweite, bieten einem Menschen mit Beeinträchtigung einen Arbeitsplatz an – wow, unbezahlbar.“ Der Einsatz bei den Löwen könne Marcel langfristig für eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt qualifizieren, etwa im Eventbereich.
Tanja Klaslo weiß, dass Marcel Standscheits Geschichte nicht selbstverständlich ist. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie oft, wie schwer Vermittlung sein kann: „Unternehmen sind nicht aufgeklärt, Menschen sind nicht aufgeklärt.“ Dabei stehe Marcel für viele Menschen mit Beeinträchtigung, die fortwährend nur auf ihre Behinderung reduziert würden: „Behinderungen sind so mannigfaltig und individuell wie alle Menschen auf dieser Welt. Kennst du einen Menschen mit Trisomie 21, dann kennst du nur einen Menschen mit Trisomie 21.“
Genau deshalb versteht Tanja Klaslo ihre Aufgabe als Vermittlungs- und Aufklärungsarbeit: Menschen sichtbar machen, Berührungspunkte schaffen, Gespräche initiieren – auch wenn ihre Bemühungen manchmal schon an der Tür scheitern, wenn Unternehmen mit Mehraufwand und Personalbereitstellung argumentieren. Zwischen Arbeitsanleitenden und Klient:innen sei sie dabei oft gleichzeitig Multiplikatorin, Moderatorin – und Seelentrösterin.
Mehr als ein Sponsoring
Auch bei den Löwen sieht man die Kooperation als mehr als eine gewöhnliche Partnerschaft. „Wir freuen uns, die Partnerschaft weiter ausbauen zu können – jetzt sogar mit einem festen Spieltagspraktikanten“, sagt Nils Mittmann, Geschäftsführer der Basketball Löwen Braunschweig. „Das zeigt, welcher Grundgedanke hinter unserer Partnerschaft steht.“ Nämlich: kein klassisches Sponsoring, sondern echte Inklusionsförderung und gesellschaftlicher Beitrag.
Ganz nah dran
Was Marcel an seinem neuen Praktikum besonders freut: „Ich bin sehr nah dran an den Profis.“ Wenn die ersten Spieler aufs Feld kommen, ihre Körbe werfen und sich mit Musik auf den Ohren einspielen, ist er mittendrin statt nur Zuschauer. Und nach getaner Arbeit darf er bleiben – jedes Spiel, das er vorbereitet hat, schaut er sich anschließend selbst an. An diesem ersten Spieltag wird daraus ein besonderer Erfolg: Die Löwen gewinnen gegen Trier, die Stimmung in der Halle ist großartig. Für Marcel Stanscheit ein Einstand, wie er ihn sich kaum besser hätte vorstellen können.