Wenn aus der Arbeit eine Herzensangelegenheit wird

Arbeit in den Wohngruppen, Einsatz in der Mitarbeitendenvertretung, Organisation des Gespannfahrertreffens und viele weitere Projekte: 43 Jahre lang war Carsten Wolters in Neuerkerode tätig, hat sich für seine Mitmenschen engagiert und Spuren hinterlassen – wir haben mit ihm auf Stationen seines beruflichen Lebens zurückgeblickt.

43 Jahre lang engagierte sich Carsten Wolters im inklusiven Dorf Neuerkerode

Energie und Engagement, Kreativität sowie Freiräume zur Entwicklung – das schätzte Carsten Wolters besonders bei seinem Arbeitsbeginn in Neuerkerode Anfang der 1980er-Jahre. Diese Begriffe sind in seiner weiteren Laufbahn zu Maximen geworden und haben seine Arbeit stets geprägt. 

Anfang der 1980er Jahre herrschte viel Bewegung in der Sozialbranche und insbesondere in Neuerkerode – und Carsten Wolters war mittendrin und dabei. Für jemanden wie ihn, der immer den Antrieb hat, über den Tellerrand zu blicken und aktiv mitzugestalten, war diese Zeit ein absoluter Glücksfall. „Es war voller Energie und Kreativität. Wir hatten viele Möglichkeiten in der pädagogischen Begleitung und damit auch Freiräume, die Bürger:innen, uns selbst und das eigene Arbeiten weiterzuentwickeln“, blickt er nicht ganz ohne Wehmut zurück. Neuerkerode und er – das war von Anfang an eine gelungene Symbiose, bei der der Mensch Carsten Wolters viel für sich mitnehmen und im gleichen Zug den Menschen etwas zurückgeben konnte. 

Sinnhaftigkeit und neue Blickwinkel

Seine berufliche Laufbahn begann allerdings nicht im inklusiven Dorf, sondern in einer völlig anderen Branche, nämlich im Einzelhandel bei Horten in Braunschweig. „Ich absolvierte dort meine Ausbildung, engagierte mich in der Auszubildendenvertretung und war anschließend als stellvertretender Abteilungsleiter tätig“, erinnert sich Wolters zurück. Glücklich sei er damit aber nicht gewesen und er habe sich die Frage gestellt, „ob Umsatz und Profit alles sind und das sinnhaft für mich ist.“ Über einen Bekannten erfährt er von der Evangelischen Stiftung Neuerkerode. Insbesondere das Dorf Neuerkerode mit seinen Bürger:innen und das zu der Zeit entwickelte Konzept „Ein Ort zum Leben“ habe ihn sehr interessiert. „Ich habe mich schließlich darauf eingelassen und relativ zügig das Angebot erhalten, in der Wohngruppe Ohe1 zu hospitieren“, so Wolters. Hier habe er nachhaltige Erfahrungen gesammelt, die ihn sein gesamtes berufliches Leben in Neuerkerode geprägt haben. „Ich bin rückblickend sehr dankbar dafür gewesen, in einem Bereich anzufangen, in dem die Menschen einen höheren Pflegebedarf hatten. Das hat mich in hohem Maße für die Bedarfe und Blickwinkel der Menschen sensibilisiert“. 

Mut haben, sich auszuprobieren

Weiteren Input erhält er auf der Schulbank, denn zum weiteren beruflichen Werdegang ist die Ausbildung in der Fachschule für Heilerziehungspflege (HEP) notwendig. Diese absolviert er im HEP-Jahrgang 9. „Das ist ein wunderbares Ausbildungsformat, weil es Theorie und Praxis gut verzahnt“, so Wolters. Dadurch dass die Schule sich im Ort befindet und zudem ein hoher Wert auf Praxis gelegt wird, kann er weiter im Wohnbereich arbeiten. Der Weg führt ihn allerdings in den Bereich Bethesda, in dem er für mehrere Jahre – über die Ausbildung hinaus – tätig sein wird. „Das war schon spannend dort zu arbeiten, weil es dort andere Bedarfe und Möglichkeiten gab. In dieser Zeit entstanden auch erste gemischte Wohngruppen“, erinnert er sich. In der schon eingangs erwähnten Konzeption „Ein Ort zum Leben“, das von dem damals Leitenden Arzt Dr. Christian Gaedt (1977 bis 2001 in Neuerkerode tätig) entwickelt wurde, seien viele neue Ansätze in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung entstanden. Dass das Konzept unter anderem auf mehr Partizipation und Teilhabe für die Bürger:innen setzte und gleichwohl die Mitarbeitenden ermutigte, Neues auszuprobieren, war auch für Carsten Wolters ein wichtiger Impuls für sein berufliches Engagement und seine Arbeit. Zudem sei der Unterstützungsbedarf der in Bethesda lebenden Bürger:innen geringer gewesen. „Es haben weniger pflegerische Tätigkeiten im Vordergrund gestanden, der Fokus war hier mehr auf die Betreuung gerichtet. Natürlich immer mit dem Blick darauf, zu reflektieren und Abläufe zu hinterfragen”, erinnert er sich.  
 

Die Antennen auszufahren, Menschen zu begegnen, in den Austausch zu gehen und mich für andere zu engagieren, das ist irgendwie in mir verwurzelt.

Übergreifende Projekte initiiert

In dieser Phase erfährt sein Engagement noch einmal einen Schub. Neue Projekte zu initiieren, die auch über die Wohngruppe Bethesda hinausgehen und von denen noch mehr Bürger:innen und Mitarbeitende im Dorf profitieren können, ist ihm wichtig. „Es war mir schon immer ein Anliegen, Kontakte zu den anderen Wohnbereichen zu pflegen“, erklärt er. Gemeinsam sind viele Ansätze, Ideen und schließlich interessante Projekte entstanden: „Mit Reinhard Janik (jetziger Leiter der IT in der esn, Anm. d. Red.) habe ich das Gespannfahrertreffen initiiert - eine absolute Herzensangelegenheit ”, so Wolters. Die Ausfahrten mit Motorrad und Begleitwagen sind ein fester Termin im Neuerkeröder Veranstaltungskalender und sind bei den Bürger:innen sehr beliebt. Weitere Projekte, an denen er mitwirkt, sind etwa das Format „Neuerkerode TV“ – eine Fernsehsendung, die wöchentlich mit Beiträgen von und für Bürger:innen ausgestrahlt wird –, die Reaktivierung des Neuerkeröder-Marionettentheaters oder in den 1990ern, die Mitarbeit im „Computerclub“, als Angebot der Freizeitpädagogik. 

Vertrauensverhältnis entwickelt

Gerade auch durch diese Projekte habe er viele neue Kolleg:innen kennengelernt. „Die Antennen auszufahren, Menschen zu begegnen, in den Austausch zu gehen und mich für andere zu engagieren, das ist irgendwie in mir verwurzelt“, erklärt er. Wenig verwunderlich ist es daher, dass er fast 35 Jahre lang in der Mitarbeitendenvertretung (MAV) aktiv ist. Hier setzt sich ein roter Faden fort, der schon früh gesponnen wurde. „Mich einzubringen, war mir sehr wichtig, ob in der Schule als Klassensprecher oder später bei Horten in der Auszubildendenvertretung ”, bekundet er. Fortan setzt er sich mit den MAV-Kolleg:innen für bessere Arbeitsbedingungen ein, stößt gemeinsam Entwicklungen an und – das ist ihm besonders wichtig – ist für die Mitarbeitenden da, um ihnen bestmögliche Beratung in schwierigen Situationen zu bieten. „Daraus ist ein besonderes Vertrauensverhältnis entstanden und ich bin froh, dass ich mit vielen Kolleg:innen Lösungen entwickeln konnte“, resümiert er. Eine größere, aber auch spannende, Herausforderung, so erinnert er sich zurück, sei der Veränderungsprozess der esn gewesen, bei dem unter anderem eine Holding-Struktur mit den zugehörigen Gesellschaften entwickelt wurde.

Herausforderungen wie diese sind nun mit seinem Abschied gemeistert – andere, neue, erwarten ihn jetzt: „Es fühlt sich alles noch sehr unwirklich an nach so einem langen Arbeitsleben, vor allem, wenn man viel und gerne zu tun gehabt hat. Da liegt die Herausforderung jetzt darin, sich die neu gewonnene, freie Zeit zu gestalten.“ Wie zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn in Neuerkerode steht Carsten Wolters wieder vor einem Umbruch, tun sich für ihn neue Freiheiten und Gestaltungsräume auf, die er sicherlich zu nutzen weiß. Egal, welchen Weg er zukünftig einschlägt, so bleibt Neuerkerode immer ein Teil von ihm. „Ich werde Neuerkerode und die Vielfalt der Menschen sowie die herzlichen Begegnungen in guter Erinnerung behalten“.

Text & Fotos: Thomas Pöllmann  |  Fotos & Video: Birthe Schnatz

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