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Lebererkrankungen früh erkennen: Warum Diagnostik entscheidend ist

Interview und Einblicke in die neue Leberambulanz des Krankenhauses Marienstift Braunschweig.

„Ich denke, es besteht der dringende Verdacht auf eine primär biliäre Cholangitis” – ein Satz, wie er in der Leberambulanz des Marienstifts durchaus fällt. Solche Diagnosen sind für medizinische Laien zunächst kaum greifbar. Sie zeigen aber, wie vielfältig Lebererkrankungen sein können – und warum eine genaue Diagnostik so wichtig ist. Denn die Leber kann krank sein, ohne dass Betroffene lange etwas davon merken.

Dr. Farid Alexander Jamai, leitender Oberarzt in der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie sowie Leiter der neuen Ambulanz, im Patientengespräch

Seit Anfang 2026 gibt es am Marienstift Braunschweig eine eigene Leberambulanz. Im Interview erklärt Farid Alexander Jamai, leitender Oberarzt in der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie sowie Leiter der neuen Ambulanz, welche Patient:innen hierherkommen, warum erhöhte Leberwerte genauer abgeklärt werden sollten und welche modernen Untersuchungsverfahren zum Einsatz kommen.

Die Leber kann krank sein, ohne dass man es merkt

Hinter auffälligen Leberwerten kann eine konkrete Erkrankung stecken. Dr. Jamai, warum ist die Diagnose manchmal so schwierig?

„Das Problem ist, dass eine Lebererkrankung lange Zeit unbemerkt bestehen kann. Viele Menschen haben zunächst überhaupt keine Beschwerden. Und wenn Symptome auftreten, sind sie häufig sehr unspezifisch – zum Beispiel Abgeschlagenheit oder eine nachlassende Leistungsfähigkeit. Man geht schließlich nicht jeden Tag zum Hausarzt und lässt die Leberwerte kontrollieren. Und auch bei einer hausärztlichen Untersuchung wird nicht automatisch ein umfangreiches Labor gemacht. Dadurch können leichte Veränderungen zunächst unentdeckt bleiben. Häufig beginnt die Diagnostik deshalb mit einem Zufallsbefund: Bei einer Blutuntersuchung werden erhöhte Leberwerte festgestellt oder im Ultraschall zeigt sich eine auffällige Leber.“

Was passiert dann?

„Wenn die Ursache zunächst unklar bleibt, können Patient:innen über eine gastroenterologische Praxis zu uns überwiesen werden. Wir führen die bereits begonnene Diagnostik weiter und versuchen, die Ursache möglichst genau zu bestimmen. Das ist wichtig, weil hinter erhöhten Leberwerten ganz unterschiedliche Erkrankungen stecken können.“

Von Virusinfektionen bis zu Autoimmunerkrankungen

Welche Ursachen kommen infrage?

„Das Spektrum ist sehr breit. Möglich sind beispielsweise Viruserkrankungen, immunologische Erkrankungen wie eine Autoimmunhepatitis oder Erkrankungen der Gallenwege in der Leber. Auch eine Leberzirrhose kann unterschiedliche Ursachen haben. Sie ist keineswegs automatisch eine Folge von Alkohol. Daneben gibt es Stoffwechselerkrankungen wie die Hämochromatose, bei der sich zu viel Eisen im Körper ansammelt, oder Morbus Wilson, eine Störung des Kupferstoffwechsels. Ein Beispiel zeigt, wie differenziert die Diagnostik sein muss: Bei einer primär biliären Cholangitis, kurz PBC, handelt es sich um eine chronische Erkrankung der kleinen Gallenwege in der Leber. Gleichzeitig muss geprüft werden, ob möglicherweise ein sogenanntes Overlap-Syndrom mit einer Autoimmunhepatitis vorliegt. Das ist für die weitere Behandlung wichtig.“

Die Fachbegriffe klingen kompliziert. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft für Patient:innen?

„Dass ein auffälliger Leberwert nicht automatisch bedeutet, dass etwas Schwerwiegendes vorliegt – aber dass man der Ursache auf den Grund gehen sollte. Und dafür braucht es manchmal eine spezialisierte Diagnostik.“

Dr. Farid Alexander Jamai, leitender Oberarzt in der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie sowie Leiter der neuen Ambulanz, bei einer Ultraschalluntersuchung

Eine Versorgungslücke in der Region

Genau hier setzt die neue Leberambulanz an. Was ist das Besondere an Ihrem Angebot?

„Wir bieten eine ambulante hepatologische Versorgung für Patient:innen, bei denen eine spezialisierte Abklärung notwendig ist, ohne dass sie dafür zwingend stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden müssen. Die enge Zusammenarbeit mit Hausärzt:innen und Fachärzt:innen ist dabei besonders wichtig. Häufig beginnt die medizinische Reise beim Hausarzt: Dort fallen erhöhte Leberwerte oder ein auffälliger Ultraschallbefund auf. Über die gastroenterologische Versorgung kommen die Patient:innen dann zu uns. In dieser Form gab es zuvor keine vergleichbare ambulante Leberversorgung in der Region. Hepatologische Angebote gibt es natürlich auch in anderen Einrichtungen. Dort stehen jedoch häufig Patient:innen im Fokus, die bereits stationär behandelt wurden.“

Wie wird das Angebot angenommen?

„Sehr gut. Wir erleben einen deutlich zunehmenden Zulauf. Die Hausärzt:innen sind froh, dass es nun eine Anlaufstelle gibt, an die sie Patient:innen mit auffälligen Befunden gezielt schicken können.“

Gibt es den typischen Leberpatienten?

„Nicht wirklich. Unsere Patient:innen sind häufig im mittleren Alter, eine deutliche Tendenz zu einem bestimmten Geschlecht gibt es nicht. Auch die Krankheitsbilder sind sehr unterschiedlich. Genau das macht die Hepatologie so spannend: Hinter einem zunächst ähnlichen Befund können ganz verschiedene Erkrankungen stecken.“

Drei Mythen über die Leber

Wenn die Leber hart wie ein eingetrockneter Schwamm wird

Welche Untersuchungen führen Sie durch?
„Die wichtigsten Untersuchungen sind Labor und Ultraschall. Je nach Erkrankung und Fragestellung können wir aber auch spezielle Untersuchungsverfahren einsetzen Dazu gehört beispielsweise die Lebervenendruckmessung. Sie kommt bei bestimmten Patient:innen mit chronischen Lebererkrankungen zum Einsatz.“

Was lässt sich damit feststellen?
„Bei einer chronischen Lebererkrankung kann sich das Lebergewebe zunehmend verändern. Aus einer Leberfibrose, also einer zunehmenden Verhärtung des Gewebes, kann im weiteren Verlauf eine Leberzirrhose entstehen. Man kann sich das vereinfacht wie einen eingetrockneten Schwamm vorstellen: Das Gewebe wird hart und das Blut kann nicht mehr so gut durch die Leber fließen. Dadurch steigt der Druck in den Gefäßen vor der Leber. Der Körper versucht, den gestörten Blutfluss auszugleichen. Dabei bilden sich Umgehungskreisläufe, sogenannte Kollateralen. Diese können beispielsweise in der Speiseröhre entstehen. Dort können sich Krampfadern bilden, die im schlimmsten Fall bluten. Bei einer fortgeschrittenen Leberzirrhose kann sich außerdem Wasser im Bauchraum ansammeln. Auch bakterielle Infektionen des Bauchraums können auftreten.“

Und was bringt die Druckmessung konkret?
„Wir können damit feststellen, wie hoch der Druck ist und wie sich die Situation im Verlauf verändert. Bei bestimmten chronischen Lebererkrankungen kann es sinnvoll sein, die Messung regelmäßig zu wiederholen, beispielsweise alle ein bis zwei Jahre. Wenn sich die Druckverhältnisse deutlich verschlechtern, gibt es wiederum spezielle  Behandlungsmöglichkeiten. In bestimmten Fällen kann ein Bypass, ein künstlicher Umgehungskreislauf, durch die Leber angelegt werden, Damit das Blut den erhöhten Druck umgehen kann..Die Lebervenendruckmessung selbst erfolgt über einen speziellen Katheter und ist eine spezialisierte Untersuchung.“

Früh hinschauen lohnt sich

Welchen Rat geben Sie Menschen mit Blick auf potentielle Lebererkrankungen?
„Die wichtigste Botschaft ist: Auffällige Leberwerte sollten ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden. Viele Lebererkrankungen verursachen über lange Zeit keine Beschwerden und bleiben deshalb häufig unentdeckt. Gleichzeitig sind heute viele Ursachen gut behandelbar, wenn sie früh erkannt werden. Unsere Leberambulanz möchte dazu beitragen, Erkrankungen frühzeitig zu diagnostizieren, ihre Ursache zu klären und Patient:innen gemeinsam mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen wohnortnah ambulant zu begleiten.“

So kommen Sie in die Leberambulanz

Der Weg in die Leberambulanz im Krankenhaus Marienstift führt in der Regel über die Hausärztin oder den Hausarzt beziehungsweise eine gastroenterologische Praxis. Bei auffälligen Leberwerten oder einem unklaren Ultraschallbefund kann eine Überweisung ausgestellt werden.

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