Ein Interview anlässlich des Internationalen Tags der Pflege.
Es vergeht kaum eine Woche, in der Pflege nicht in den Schlagzeilen auftaucht: Pflegenotstand, Reformen, Kürzungen, Personalmangel. Doch wie ist die aktuelle Situation wirklich – und was müsste sich ändern, damit es zu spürbaren Verbesserungen kommt? Zum Internationalen Tag der Pflege haben wir mit Vertreter:innen unserer Verbundmitarbeitendenvertretung (V‑MAV) gesprochen.



Vergleichbar mit Betriebsräten in nichtkirchlichen Unternehmen arbeitet das elfköpfige Gremium übergeordnet. Es ist zuständig für Angelegenheiten, die den gesamten Unternehmensverbund esn oder mehrere Einrichtungen betreffen und nicht durch die einzelnen Mitarbeitendenvertretungen der Gesellschaften oder Hilfefelder geregelt werden können. Die Vertreter:innen sind selbst in der Pflege tätig oder waren es lange Zeit und stehen in engem Austausch mit Kolleg:innen aus dem Krankenhaus, der stationären und ambulanten Altenhilfe sowie mit jungen Menschen, die sich für eine Ausbildung im Pflegebereich entschieden haben.



Belastungen im Pflegealltag
Mattern: Im Alltagsgeschäft ist das Thema eher nebensächlich. Es ist natürlich schön, dass der Tag Sichtbarkeit schafft. Allerdings ist es seit der Corona‑Pandemie nicht die Sichtbarkeit, an der es in der Pflege mangelt, sondern an Lösungen.
Wolf: In der Eingliederungshilfe ist es ähnlich. Der Tag ist bekannt, wird aber kaum genutzt. Pflege und Betreuung stehen hier oft im Schatten des pädagogischen Auftrags. Dabei zeigt die Realität sehr deutlich: Pflege ist längst ein fester und zunehmender Bestandteil unserer Arbeit.
Meyer: Die Schlagzahl in der Pflege ist deutlich gestiegen. Es gibt eine hohe Arbeitsverdichtung, und die Touren der ambulanten Dienste werden länger. Das liegt einerseits an mehr Menschen, die Pflege benötigen, andererseits vor allem an fehlendem Personal.
Thoben: Der Personalmangel wird uns auch von den Auszubildenden zurückgemeldet. Sie werden an ihren Einsatzorten sehr schnell eingebunden, im Arbeitsalltag gebraucht und haben kaum Zeit, in Ruhe anzukommen.
Willer: In der stationären Pflege merken wir, dass sich die Ansprüche im Gesamtbild verändert haben. Die komplexen Krankheitsbilder und die damit verbundenen Herausforderungen sowie die Bedürfnisse unserer Bewohner:innen sind gestiegen. Gleichzeitig haben Pflegekräfte immer den Zeitdruck im Nacken. Gerade in den Nachtdiensten sind wenige Mitarbeitende für viele Bewohnende zuständig – das geht an die Belastungsgrenze, körperlich wie psychisch.
Schuller: In der Eingliederungshilfe hat sich zudem der Fokus verändert. Die Klientel wird älter und vielfältiger. Neben geistigen Behinderungen kommen zunehmend körperliche Einschränkungen, psychische Erkrankungen und demenzielle Entwicklungen hinzu. Dadurch steigt der Pflegebedarf deutlich.
Wolf: Pflege ist in der Eingliederungshilfe aber nie Selbstzweck, sondern immer pädagogisch eingebettet – mit dem Ziel, Menschen in ihrer Selbstständigkeit zu fördern. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, dass es Lebenssituationen gibt, in denen Pflege dauerhaft notwendig ist und dann auch verlässlich und würdevoll geleistet werden muss. Damit nimmt Pflege mehr Zeit ein, während personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind. Als Mitarbeitendenvertretung erleben wir, dass genau das bei Kolleg:innen Frustration auslöst: Sie möchten ihre fachliche Kompetenz voll einbringen, stoßen aber an strukturelle Grenzen.
Der wirtschaftliche Druck muss raus
Meyer: Das Problem ist strukturell. Pflege ist ein Finanzierungs‑ und Generationenthema. Die Reformen, die wirklich helfen würden, sind tiefgreifend – und davor schreckt die Politik zurück. Stattdessen erleben wir steigende Eigenanteile und immer mehr Druck auf die Einrichtungen.
Willer: Das System sollte auf mehr Schultern verteilt werden. In der stationären Altenpflege müssen die zu Pflegenden immer mehr in Eigenleistung gehen und damit an ihr Erspartes, um sich einen Pflegeplatz leisten zu können. Ist das Vermögen aufgebraucht, muss Sozialhilfe beantragt werden – und selbst darauf wartet man oft lange, während der Träger in Vorleistung geht.
Mattern: Die Finanzierung des Systems müsste grundlegend reformiert werden. Warum müssen Polizei und Feuerwehr keinen Gewinn machen, Krankenhäuser aber schon? Hier muss der wirtschaftliche Druck raus. Gesundheitsversorgung ist eine gesellschaftliche Aufgabe, sie muss für alle zugänglich sein.
Meyer: Neben der Finanzierung spielen auch ganz praktische Fragen eine Rolle, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. Junge Menschen interessiert oft weniger das Geld als die Zuverlässigkeit ihres Dienstplans. Sie wollen planbare Freizeit und – je nach Lebenssituation – familienfreundliche Dienste. Das müssen wir bieten können.
Wolf: Hinzu kommen gute technische Hilfen, sinnvolle Digitalisierung und ausreichend Zeit für Beziehung. Pflege und Teilhabe brauchen Ruhe, Verlässlichkeit und Handlungsspielräume.
Schuller: Teilhabe, Inklusion und Pflege werden politisch stark anerkannt, aber praktisch häufig unterfinanziert. Gute Arbeit braucht Ressourcen – sonst geraten pädagogische und pflegerische Ansprüche in Konflikt.
Thoben: Eine zentrale Frage ist, wie wir uns strategisch aufstellen müssen, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Dafür ist es wichtig, die Stimmen der Mitarbeitenden einzubeziehen. Mitarbeitendenvertretung ist gelebte Demokratie.
Willer: Wir sind oft die Stimme derer, die sich nicht trauen, etwas zu sagen. Unsere Erfolge sind manchmal klein, aber wichtig: Dienstpläne mitgestalten – und dadurch mitarbeiterfreundliche und gesetzliche Vorgaben aufzeigen –, Kündigungen verhindern, individuelle Lösungen für Einzelfälle finden, aber vor allem Verbesserungen für die gesamte Mitarbeiterschaft erreichen.
Wolf: Wir ordnen arbeitsrechtlich ein und vertreten Anliegen gegenüber den Leitungen. Gleichzeitig sehen wir, dass auch Führungskräfte stark unter Druck stehen, weil sie mit begrenzten Ressourcen einen verlässlichen Betrieb sicherstellen müssen.
Hoffnung trotz aller Herausforderungen
Mattern: Dass wir immer noch junge Menschen für die Pflege begeistern können. Viele kommen mittlerweile aus dem Ausland zu uns und geben viel dafür auf. Das ist eine Ressource, die wir gut pflegen müssen – dafür braucht es eine offene Willkommenskultur. Statistisch ist klar: Ohne Zuwanderung werden wir in Zukunft nicht mehr ausreichend pflegen können.
Thoben: Das kann ich nur bestätigen. Unsere Klassen sind sehr international. Jeder junge Mensch – unabhängig von Hautfarbe, Sprache oder Herkunft –, der zu uns kommt, um in der Pflege zu arbeiten, ist ein Gewinn.
Meyer: Vieles ist in der Pflege nicht so schlecht, wie es von außen oft dargestellt wird. Gerade in der esn haben wir gute Strukturen und einen guten Tarifvertrag. Es gibt immer wieder Kolleg:innen, die gehen und später zurückkommen. Das zeigt, dass wir vieles richtig machen – auch wir als MAV.
Schuller: Unseren Kolleg:innen möchte ich sagen: Euer Engagement und eure Empathie sind nicht selbstverständlich. Ihr leistet tagtäglich sehr viel – oft unter schwierigen Bedingungen. Das verdient Anerkennung in Form von guten Rahmenbedingungen.
Mattern: Junge Menschen wachsen heute mit vielen Unsicherheiten auf: Wie sicher ist die Rente? Was kann man sich leisten? Wie stabil ist die Weltlage? Die Pflege ist ein sicherer Beruf – und sie wird es auch in fünfzig Jahren noch sein. Vor allem aber ist Pflege eine sehr sinnstiftende Tätigkeit. Das geht in den Diskussionen oft unter. Genau das sollten wir wieder sichtbarer machen.
Interview und Fotos: Lukas Dörfler, Petra Neu




