Ein Pilotprojekt gibt neue Impulse für die ambulante Sterbebegleitung in Braunschweiger Pflegeeinrichtungen.
Als Uwe Böker den Kurs zur Sterbebegleitung beginnt, bringt er vor allem eines mit: Respekt. Der ehemalige Polizeibeamte ist mittlerweile im Ruhestand, doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre wirken nach. „Ich hatte über einen längeren Zeitraum viele Todesfälle in meinem Umfeld. Das hat mich sehr bewegt“, sagt er. Trotzdem – oder gerade deshalb – entscheidet er sich, Menschen an ihrem Lebensende zu begleiten. Böker ist einer von neun Teilnehmenden des ersten Vorbereitungskurses eines Pilotprojektes, das die Hospiz Stiftung Braunschweig gemeinsam mit dem Verein Hospizarbeit Braunschweig ins Leben gerufen hat.

Viele Menschen, die in Pflege- und Senioreneinrichtungen leben, haben nur noch wenige soziale Kontakte. Bekannte sind teilweise schon verstorben, Angehörige gibt es nur noch wenige oder sie wohnen weit weg. Gerade in der letzten Lebensphase, wenn das Sterben immer näher rückt, fehlen bekannte Gesichter, vertraute Stimmen. Oft ist es am Ende das Pflegepersonal, das zwischen Zeitdruck und Verantwortung versucht, allen gerecht zu werden. Genau hier setzt „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ an. Das Pilotprojekt bildet Ehrenamtliche dazu aus, Sterbende in stationären Einrichtungen zu begleiten. Mithilfe der Erfahrungen, die sich hieraus ergeben, entsteht ein Konzept, um die Begleitung Sterbender in der Langzeitpflege nachhaltig zu implementieren.
Ein neuer Ansatz für die letzte Lebensphase
Bisher findet ambulante Sterbebegleitung größtenteils im häuslichen Umfeld statt. Die Projektidee setzt dort an, wo viele Menschen ihren letzten Lebensabschnitt verbringen: in stationären Senioren- und Pflegeeinrichtungen. Bisher wird hier ambulant nur vereinzelt begleitet. Durch das Pilotprojekt soll diese Arbeit vor Ort fest verankert und konzeptualisiert werden. Gemeinsam mit den Senioren- und Pflegezentren Bethanien und St. Vinzenz – beide Teil der Evangelischen Stiftung Neuerkerode (esn) – wird das Projekt umgesetzt.
Das Ziel des Projektes geht über die Qualifizierung der Ehrenamtlichen hinaus: Die Erfahrungen des Projektes fließen in ein Konzept, das den Einsatz von ehrenamtlichen Begleiter:innen fest und nachhaltig in den Einrichtungen etablieren soll. Nicht erst kurz vor ihrem Tod, sondern möglichst früh. „Der Gedanke ist, eine Vertrauensbasis aufzubauen und die Menschen über einen längeren Zeitraum zu begleiten“, erklärt Projektmitarbeiterin Iris Peppler. Pflegekräfte wählen die Bewohner:innen aus, die von einer Begleitung am meisten profitieren können – und fragen in Absprache mit deren Angehörigen eine Sterbebegleitung beim Hospizverein an.
Eine Ergänzung, kein Ersatz
Dass diese Unterstützung dringend gebraucht wird, erlebt Manuela Malitzki täglich. Sie ist GVP-Beraterin (Gesundheitliche Versorgungsplanung) und Palliativbeauftragte in den beiden Einrichtungen und derzeit die Schnittstelle zwischen Pflege und der Hospizarbeit. „Sterben in einer Senioren- und Pflegeeinrichtung kann einsam sein“, sagt sie. „Ich bin sehr froh, dass dieses Projekt läuft.“
Die Zahlen unterstreichen das: Allein in Braunschweigs größtem Senioren- und Pflegezentrum Bethanien gab es im vergangenen Jahr über 400 Aufnahmen – bei 202 Plätzen. „Wir haben eine hohe Fluktuation“, sagt Einrichtungsleiterin Stefanie Rutsch. „Viele Menschen sterben hier. Natürlich begleiten auch wir unsere Bewohnenden bestmöglich. Eine zusätzliche Begleitung durch die ausgebildeten Ehrenamtlichen ist aber ein enormer Gewinn – für die Senior:innen, aber auch für die Angehörigen und Mitarbeitenden.“

Denn Zeit ist in der Pflege oft knapp. „Der Druck auf Pflegende ist sehr hoch“, betont Dr. Rainer Prönneke, langjähriger Palliativmediziner im Krankenhaus Marienstift und heute im SAPV-Team der Diakoniestationen Harz-Heide sowie Vorsitzender des Landesstützpunkts Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen. Ehrenamtliche können hier eine Lücke schließen – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Sie hören zu, sitzen am Bett, halten vielleicht einfach nur die Hand.
Zeit schenken, einfach da sein
Genau darin liegt die Stärke der Hospizarbeit Braunschweig. Rund 140 Ehrenamtliche engagieren sich bereits im Verein, etwa die Hälfte davon in der Sterbebegleitung. Sie sind das Herzstück des Projekts. „Die Begleitung lebt durch unsere Ehrenamtlichen“, sagt Projektmitarbeiterin Britta Lange. Das Besondere an dem neuen, auf stationäre Einrichtungen ausgelegten Kurs sind die Besuche in den Häusern sowie besondere Schulungsangebote mit Blick auf demenzielle Veränderungen.
Für die Teilnehmenden bedeutet der Kurs aber mehr als nur eine Ausbildung. „Wir haben verschiedene Kommunikationsmethoden im Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen gelernt“, erzählt Böker. „Und auch, wie wir uns selbst auf diese besondere Aufgabe einstellen. Ich fühle mich gut vorbereitet – aber der Respekt ist noch da.“
"Jede neue Begegnung heißt Respekt. Ich habe ihn auch nach all den Jahren noch.“
Dr. Rainer Prönneke
Malitzki ergänzt: „Das ist auch gut und wichtig so. Es ist der Respekt, den man dem Tod und dem Menschen entgegenbringt.“
Ein Netzwerk wächst
Finanziell getragen wird das Vorhaben von der Hospiz Stiftung für Braunschweig. Für Erika Borek, Vorstandsmitglied der Stiftung, ist es dabei mehr als ein Förderprojekt: „Wir wollen nicht nur das Geld geben, sondern Menschen gewinnen, die den Hospizgedanken mit uns gemeinsam leben.“ So ist stets auch ein Ziel, Menschen für die ehrenamtliche Hospizarbeit zu begeistern.
Die Stiftung hat in Braunschweig bereits früh Impulse gesetzt – und begleitet die Entwicklung bis heute. „Viele Sterbende haben keine Angehörigen mehr, sind allein in ihrem Sterben. Hier wollen wir gerne einen Unterschied machen“, sagt sie. „Wenn einfach nur jemand da ist, Nähe und Zeit schenkt, ist das unglaublich wertvoll.“
Ein Modell für die Zukunft
Noch ist „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ ein Pilotprojekt, zunächst auf zwei Jahre angelegt. Doch die Perspektive ist klar: Die Strukturen sollen bleiben. „Wir wollen die ambulante Sterbebegleitung dauerhaft in Pflegeeinrichtungen etablieren“, sagt Peppler. Erste Zahlen stimmen optimistisch – schon mit dem Pilotprojekt wird es zum Ende des Jahres voraussichtlich 40 Prozent mehr Begleitungen in stationären Einrichtungen durch die Hospizarbeit Braunschweig gegeben haben als vor dem Projekt.

Auch über Braunschweig hinaus könnte „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ Zukunft haben. „Das kann ein Modellprojekt für ganz Niedersachsen sein“, sagt Prönneke. „Die Not gibt es überall. Und der Bedarf wird mit der demografischen Entwicklung weiter steigen.“
Ein Moment, der zählt
In Braunschweig haben die Kursteilnehmenden ihre Zertifikate inzwischen entgegennehmen können. Für Uwe Böker und seine Kolleg:innen beginnt die eigentliche Aufgabe erst jetzt. Bald wird er einem Bewohnenden gegenübersitzen. „Die Begleitung ist immer individuell“, sagt Böker. „Man weiß vorher nicht, wer und was einen erwartet.“ Bald wird er jemandem seine Zeit schenken. Vielleicht schweigend, vielleicht im Gespräch. Denn manchmal geht es um etwas ganz Einfaches und zugleich ungemein Wertvolles: da zu sein. Gerade dann, wenn ein Mensch am Ende seines Lebens niemanden mehr hat.
Anmeldung
Die Hospizarbeit Braunschweig lebt von ihren Ehrenamtlichen. Falls Sie sich auch gerne in diesem Bereich engagieren möchten, vereinbaren Sie gerne ein Kennenlerngespräch unter t 0531.16 477 oder info@hospizarbeit-braunschweig.de