Wenn ein Tag neu beginnt

Zwischen Krisen, kleinen Erfolgen und starken Beziehungen: Ein Einblick in die Arbeit der Tagesförderung intensiv in Neuerkerode.

 

Die Tür fällt ins Schloss, Stimmen werden laut. Ein angespannter junger Mann, die Situation droht zu kippen. Worte reichen nicht mehr aus, die Stimmung ist aufgeheizt. Andreas Jäger bleibt ruhig. Er tritt dazwischen, spricht, versucht zu lenken – und muss schließlich klare Grenzen setzen. Ein Tag, der anders verläuft als geplant.

Am nächsten Morgen sitzt derselbe junge Mann wieder am Tisch. Ein kurzer Blick, ein vorsichtiges Lächeln. Ein neuer Anfang. So kann Alltag in der Tagesförderung intensiv im inklusiven Dorf Neuerkerode aussehen.

Zwischen Anspannung und Entwicklung

Die Tagesförderung intensiv ist ein besonderer Arbeitsbereich innerhalb der Wohnen und Betreuen. Hier werden junge Menschen ab 18 Jahren begleitet, die aufgrund ihrer Entwicklung mit sich selbst und ihrem sozialen Umfeld zu kämpfen haben. Für sie braucht es mehr als ein strukturiertes Angebot – es braucht einen Ort, der Sicherheit gibt und gleichzeitig Entwicklung ermöglicht.

Andreas Jäger bei der Arbeit

In kleinen Gruppen, mit intensiver Betreuung, entsteht ein Rahmen, in dem Stabilisierung und Förderung Hand in Hand gehen. Der Alltag in der Tagesförderung intensiv ist dabei bewusst lebensnah gestaltet. Gemeinsam mit den Klient:innen werden haushaltstypische Aufgaben übernommen: Geschirrspüler ein- und ausräumen, Tische abwischen, Müll wegbringen oder Schmutzwäsche sortieren. Auch scheinbar kleine Tätigkeiten wie Wasser holen oder Leergut wegbringen sind wichtige Bestandteile- „Sie fördern Selbstständigkeit und geben Struktur“, so Jäger.

Hinzu kommen gezielte Förderangebote mit unterschiedlichem Anspruch: So werden beispielsweise Deckel von Wasserflaschen demontiert – Dichtung und Verschluss getrennt – und an anderer Stelle wieder zusammengesetzt. Individuelle „Aufgabenkisten“ bieten differenzierte Übungen, die sich an den Fähigkeiten der einzelnen orientieren. Auch Tätigkeiten wie Papier schreddern, Malen oder Ausmalen gehören dazu.

Andreas Jäger bei der Arbeit
Andreas Jäger bei der Arbeit

Darüber hinaus greifen die Angebote immer wieder persönliche Interessen auf, erläutert Jäger. Ob bei der Montage von Industriedeckeln oder bei Aktivitäten im Außenbereich: „Bewegung, bewusste Entscheidungen - Wo gehe ich hin? - das Einhalten von Gruppensituationen oder auch das Bedürfnis nach Gespräch – all das findet hier Raum.“ Ein Spaziergang kann so zur Übung werden, bei der es darum geht, in der Gruppe zu bleiben – oder einfach darum, sich mitzuteilen.

„Es geht um Struktur, um Beobachtung und darum, Stärken herauszukristallisieren“, sagt Andreas Jäger, Heilerziehungspfleger, der seit 2002 in Neuerkerode arbeitet und seit 2019 Teil des Teams TGF intensiv ist. „Unser Ziel ist es, auffälliges Verhalten zu reduzieren und die Menschen so weit zu fördern, dass sie perspektivisch in größere Gruppen wechseln können.“ Ein Ziel, das nicht immer leicht zu erreichen ist – aber umso bedeutender, wenn es gelingt.

Hinter jedem Verhalten steckt mehr

Wer in der Tagesförderung intensiv arbeitet, erlebt beides: herausfordernde Situationen und berührende Fortschritte. Entscheidend ist die Haltung, so Jäger – und der Blick auf den Menschen hinter dem Verhalten.

„Für mich ist wichtig, den Menschen zu sehen. Jeder bringt nicht nur Auffälligkeiten mit, sondern auch viele positive Seiten. Die entdeckt man, wenn man echte Beziehungen eingeht.“ 

Diese Beziehung ist der Schlüssel. Denn auffälliges Verhalten entsteht nicht zufällig – es hat eine Funktion. Genau dort setzt die Arbeit an: verstehen statt bewerten, deeskalieren statt verstärken. Das bedeutet auch, schwierige Situationen auszuhalten und professionell zu handeln. Wenn Grenzen überschritten werden, müssen sie klar benannt werden. Zum Schutz aller. „Das kann sehr unangenehm sein“, sagt Andreas. „Aber das gehört dazu. Entscheidend ist: Am nächsten Tag fangen wir wieder bei null an. Beziehung heißt auch, immer wieder neu anzusetzen.“

Die leisen Erfolge

Es sind nicht nur die großen Entwicklungen, die zählen. Oft sind es die kleinen Momente, die zeigen, was möglich ist. Ein Neuerkeröder, der lange nicht da war – und sich plötzlich wieder öffnet. Ein neuer Klient, bei dem viele zunächst skeptisch sind – und der dann mit einem Strahlen im Gesicht die Angebote annimmt. Oder jemand, der Nähe sucht und damit Vertrauen zeigt. „Solche Momente überraschen uns immer wieder“, erzählt Andreas. „Und sie zeigen, warum sich die Arbeit lohnt.“

Die Intensität der Arbeit verlangt viel – fachlich und persönlich. Umso wichtiger ist ein Team, das trägt. Nach herausfordernden Situationen wird gesprochen, reflektiert, eingeordnet. Bei einer Tasse Kaffee, in Fallbesprechungen oder zwischendurch im Alltag. „Ich weiß, dass ich mich auf meine Kolleg:innen verlassen kann“, sagt Andreas Jäger. „Das gibt mir Sicherheit. Wir sind füreinander da und tragen die Verantwortung gemeinsam.“

Haltung entscheidet

Wer in der Tagesförderung intensiv arbeitet, braucht mehr als Fachwissen. Gefragt sind Menschen mit Klarheit, Geduld und einem wertschätzenden Blick. „Es kommt sehr darauf an, mit welcher Haltung ich in den Tag gehe. Manche starten ruhig und werden schwierig – andere beginnen angespannt und entwickeln sich gut. Das gehört dazu.“

Wichtig sei vor allem, offen zu bleiben und sich auf die Menschen einzulassen. Teamfähigkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz sind ebenso entscheidend wie die Fähigkeit, auch in herausfordernden Momenten respektvoll zu bleiben.

Die Tagesförderung intensiv ist kein einfacher Arbeitsbereich. Aber einer, der bewegt. Und vielleicht ist es genau dieses Spannungsfeld, das die Arbeit so besonders macht: zwischen Herausforderung und Vertrauen, zwischen klaren Grenzen und neuen Chancen. Andreas Jäger sagt: „Hier entstehen Beziehungen, Entwicklungsschritte und echte Perspektiven – manchmal leise, manchmal sichtbar, immer bedeutsam.“

Einsteigen. Umsteigen. Schöne Aussichten

Sie möchten Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag begleiten? Sie darin unterstützten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Ob in der Wohngruppe, in der Tagesförderung oder in der eigenen Wohnung? Oder in der Schule? Wir – die Neuerkeröder Wohnen und Betreuen – bieten vielfältige Arbeitsplätze für z.B. Heilerziehungspfleger:innen, Pflegefachkräfte, Sozialarbeiter:innen oder Quereinsteiger an: 

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