Im Interview beleuchten Geschäftsführung und Regionalleitungen der Diakoniestationen Harz-Heide die derzeitige Situation der Pflege.
Wie ist die aktuelle Lage in der Pflege? Welche Herausforderungen gibt es derzeit? Und was sind mögliche Folgen des Pflegeneuordnungsgesetzes, das die Bundesregierung plant? Volker Wagner, Geschäftsführer der Diakoniestationen Harz-Heide (DHH), und die Regionalleitungen der ambulanten Dienste der DHH Sabrina Franz (Diakoniestation Braunschweig), Clarissa Choitz (Diakoniestation Gifhorn) und Nicole Lübbecke (Diakoniestation Nordharz und SAPV) sprechen über die Gegenwart und Zukunft der Pflege.
Wie erleben Sie derzeit die Situation in der ambulanten Pflege?
Lübbecke: Der Bedarf an Pflege ist auf jeden Fall enorm. Das Problem ist aber, dass viele Menschen sich die benötigte Unterstützung kaum noch leisten können. Wir beobachten, dass die privat finanzierten Leistungen nach SGB XI rückläufig sind. Leistungen auf ärztliche Verordnung nach SGB V bleiben dagegen stabil.
Choitz: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten machen sich deutlich bemerkbar. Viele Menschen beziehen heute bewusst weniger Pflegeleistungen, weil sie auf ihr Geld achten müssen. Für uns bedeutet das häufiger viele kleine Aufträge, die organisatorisch aufwendiger sind. Aus Unternehmenssicht können wir das jedoch durch die steigende Zahl an Kund:innen kompensieren. Schwieriger ist die Situation für die Pflegebedürftigen. Wir erleben immer wieder, dass Menschen unbedingt mehr Unterstützung bräuchten, diese aber aus finanziellen Gründen nicht in Anspruch nehmen. Das hinterlässt bei uns aus pflegefachlicher Sicht oft ein ungutes Gefühl.

Zudem wird beim Thema Pflege oft von einem Personalnotstand gesprochen. Wie sieht die Bewerberlage bei den DHH aus?
Choitz: Erfreulicherweise sehr gut. Die ambulante Pflege bietet oft attraktivere Arbeitsbedingungen als andere Bereiche der Pflege. Entsprechend haben wir viele Bewerbungen und gleichzeitig eine geringe Fluktuation.
Franz: Im städtischen Bereich ist die Situation etwas anders, weil der Wettbewerb um Pflegekräfte größer ist. Dennoch sind wir dank unseres Tarifvertrags, der Möglichkeit zur Spezialisierung in den Bereichen DIAPP und SAPV sowie zahlreicher Benefits für Mitarbeitende gut aufgestellt. Unsere Größe und die breite regionale Aufstellung bieten zusätzliche Möglichkeiten. Wer sich beruflich verändern möchte, kann das innerhalb unseres Unternehmens oft unkompliziert tun, weil wir ein sehr breites Angebotsspektrum haben. Zudem ist die DHH in den Unternehmensverbund der Evangelischen Stiftung Neuerkerode eingebettet, was Stabilität schafft und weitere Entwicklungschancen ermöglicht.

Lübbecke: Hinzu kommt, dass wir stark auf Qualität und Weiterentwicklung setzen. Viele Mitarbeitende verfügen über pflegewissenschaftliche Qualifikationen. In Jahresgesprächen schauen wir gezielt darauf, wie sich jede:r Einzelne entwickeln könnte. Hinzu kommen flexible Arbeitszeitmodelle, die Familie und Beruf gut vereinbaren lassen, starke Teams und professionelle Führungskräfte. Durch die Unterstützung des zentralen Managements der DHH können sich unsere Mitarbeitenden auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht: die Pflege der Menschen.

Kommen wir zum Pflegeneuordnungsgesetz. Welche Auswirkungen hätte es aus Ihrer Sicht?
Wagner: Das Gesetz würde viele Entwicklungen der vergangenen Jahre konterkarieren. Politisch wurde immer eine stärkere Tarifbindung in der Pflege gefordert. Mit dem aktuellen Entwurf würde dieser Weg nicht nur gestoppt, sondern teilweise sogar umgekehrt. Für Unternehmen wie unseres stellt sich vor allem die Frage der Refinanzierung. Wenn nur noch bestimmte Beträge refinanziert werden, unterläuft das letztlich Tarifverhandlungen.
Franz: Ich sehe den Referentenentwurf äußerst kritisch. Natürlich muss die finanzielle Situation der Pflegeversicherung stabilisiert werden. Allerdings wird dafür der falsche Ansatz gewählt. Die Umstrukturierung soll zulasten der pflegerischen Versorgung, der pflegenden Angehörigen und der Leistungserbringenden erfolgen. Pflegebedürftigkeit verschwindet nicht dadurch, dass man den Zugang zu Leistungen erschwert. Gerade Menschen mit beginnenden Einschränkungen benötigen frühzeitige Unterstützung. Ambulante Hilfen und Tagespflegen verhindern oft Krisen, Krankenhausaufenthalte oder den späteren Einzug in eine stationäre Einrichtung. Kurzfristig mag man damit Geld sparen – langfristig werden die Folgekosten deutlich höher sein.

Choitz: Die eigentlichen Verlierer drohen die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zu werden. Viele können sich Pflege kaum noch leisten, obwohl sie darauf angewiesen sind. Und gerade pflegende Angehörige investieren enorme Mengen an Zeit, Kraft und oft auch Geld. Dass ausgerechnet hier weitere Einschnitte geplant sind, wäre aus meiner Sicht ein Schritt in die falsche Richtung.
Wagner: Hinzu kommt, dass die Kapazitäten in stationären Einrichtungen vielerorts schon heute nicht ausreichen. Der Druck wird dadurch immer stärker auf die Angehörigen verlagert, die jetzt schon an ihre Grenzen stoßen. Ohne diese Menschen würde das Pflegesystem schon jetzt nicht funktionieren. Nun sollen sie weniger Unterstützung erhalten und gleichzeitig mehr leisten – sofern überhaupt Angehörige vorhanden sind, die diese Aufgaben übernehmen. So wie der Entwurf jetzt ist, ist er ein Skandal.
Wo sehen Sie die eigentlichen Stellschrauben für eine nachhaltige Pflegereform?
Wagner: Im aktuellen Entwurf wird fast ausschließlich auf die Ausgabenseite geschaut. Stattdessen müsste diskutiert werden, wie mehr Geld ins System gelangen kann. Die Geld- und Sachleistungen müssten deutlich erhöht werden. Das wäre ein angemessenes Signal angesichts der demografischen Entwicklung.
Lübbecke: Gleichzeitig braucht es ein gesellschaftliches Umdenken. Die Themen Pflege und Sterben werden häufig verdrängt, bis sie einen selbst betreffen. Dabei wird ein Großteil der Menschen irgendwann selbst mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert sein.
Trotz aller Sorgen: Gibt es auch Anlass zur Hoffnung?
Franz: Ja. Die vergangenen Jahre waren von vielen Krisen geprägt, und dennoch haben wir uns als Organisation immer weiterentwickelt. Durch die Erweiterung unserer Angebote und unserer Versorgungsgebiete haben wir bislang jede Herausforderung gemeistert. Unsere Größe und Professionalität sorgen für Stabilität – auch in schwierigen Zeiten. Außerdem wird Pflege als Beruf häufig negativer dargestellt, als sie tatsächlich ist. Viele Dinge haben sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt.
Wagner: Da das Thema Pflege die gesamte Gesellschaft betrifft, müssen wir uns mit vereinten Kräften für gute Bedingen einsetzen. Rund 80 Prozent der Menschen erleben am Ende ihres Lebens eine mehr oder weniger lange Phase der Pflegebedürftigkeit. Deshalb müssen wir heute die richtigen Entscheidungen für morgen treffen – gemeinsam!
Weitere Informationen
Die Angebote und weitere Informationen über die Diakoniestationen Harz-Heide finden Sie hier: