Fußball-WM und Sportwetten: Zwischen Begeisterung und problematischem Wettverhalten

Die Fußball-WM sorgt weltweit für Begeisterung und bringt Millionen Menschen zusammen. Doch auch Sportwetten rücken in dieser Zeit stärker in den Fokus. Während viele Fans nur gelegentlich tippen, kann die verstärkte Präsenz von Wettangeboten und Werbung für manche Menschen ein Risiko darstellen.
Unsere Suchtexpert:innen Katja Bosse und Christian Horn aus dem Lukas-Werk sprechen über die Risiken von Sportwetten, den Einfluss von Werbung, mögliche Warnsignale und Unterstützungsmöglichkeiten.

Ob am Arbeitsplatz, im Verein oder im Freundeskreis – Tippspiele gehören für viele Menschen bei großen Fußballturnieren ganz selbstverständlich dazu. „Viele Menschen beschäftigen sich in dieser Zeit intensiver mit Tippspielen und Sportwetten“, erklärt Katja Bosse, Diplom-Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin in der Fachambulanz Sucht Goslar. „Nicht selten werden auch Kinder und Jugendliche mit einbezogen.“

Auch Christian Horn, Sozialpädagoge und Suchttherapeut in der Fachambulanz Sucht Braunschweig, sieht bei großen Turnieren besondere Faktoren, die den Einstieg in Sportwetten erleichtern können. Durch die Vielzahl an Spielen, die ständige Berichterstattung und digitale Tippspiel-Plattformen rückt das Thema stärker in den Alltag vieler Menschen. Gleichzeitig werden diese Angebote immer professioneller. „Teilweise werden bei solchen Tippspielen bereits Quoten von Wettanbietern eingeblendet oder es wird direkt auf Wettangebote verwiesen. Dadurch kann die Hemmschwelle sinken, selbst eine Sportwette abzuschließen“, erklärt er.

Die Rolle von Werbung

Besonders die zunehmende Werbung für Sportwetten sehen beide Expert:innen kritisch. Vor allem bei großen Turnieren sind Wettangebote in vielen Bereichen präsent, beispielsweise in sozialen Medien, auf Online-Plattformen oder im Umfeld von Sportveranstaltungen.

„Für viele Menschen ist Werbung für Sportwetten der erste Berührungspunkt mit diesem Thema“, erklärt Katja Bosse. Häufig sei dieser Erstkontakt zunächst auch mit positiven Erfahrungen verbunden. „Die ständige Konfrontation kann den Einstieg erleichtern oder einen Ausstieg erschweren“, beschreibt sie. Aus Sicht der Prävention wäre deshalb eine deutliche Einschränkung der Sportwettwerbung sinnvoll. Auch Kooperationen zwischen Sportwettanbietern und Sportvereinen, Verbänden oder Veranstaltern sollten aus ihrer Sicht kritisch hinterfragt beziehungsweise vermieden werden.

Christian Horn zieht einen Vergleich zu früheren Erfahrungen mit Tabak und Alkohol. „Wenn man an Tabak und Alkohol denkt, wissen wir bereits, dass Werbung dazu beitragen kann, Konsum zu normalisieren“, erklärt er. Dort habe man entsprechende Maßnahmen ergriffen und die Werbung deutlich eingeschränkt. „Deshalb ist es für mich unverständlich, dass wir beim Glücksspiel jetzt ähnliche Entwicklungen sehen und nicht stärker handeln“, so seine Einschätzung.

Der schleichende Weg in die Glücksspielsucht

Nicht jede Sportwette hat problematische Folgen. Doch wenn sich eine Glücksspielsucht entwickelt, geschieht das meist schleichend. „Am Anfang steht meistens erstmal eine relativ unkritische Phase. Man spielt aus Spaß, die Abstände zwischen den Wetten sind größer und die Einsätze eher klein“, erklärt Christian Horn. „Später kommt es zu einer kritischen Gewöhnung: Man spielt häufiger, die Einsätze steigen und die Verluste nehmen zu.“ Der Versuch, verlorenes Geld durch weitere Wetten zurückzugewinnen, wird als „Chasing“ bezeichnet und kann die Verschuldung weiter verstärken. „Die Schuldenspirale ist bei der Glücksspielsucht besonders ausgeprägt“, sagt Christian Horn. „Man leiht sich Geld, nimmt Kredite auf und verheimlicht das Spielen vor Familie und Freunden.“ 

Gleichzeitig würden andere Lebensbereiche zunehmend in den Hintergrund rücken. „Hobbys, Freizeitaktivitäten und soziale Kontakte werden immer mehr vernachlässigt und das Glücksspiel wird zum zentralen Mittelpunkt im Leben.“ Ein weiterer Irrtum sei, dass gutes Fußballwissen automatisch die Gewinnchancen erhöhe. „Sportwetten sind, egal wie gut man sich auskennt, immer noch hauptsächlich vom Zufall bestimmt“, erklärt er. Gerade erste Gewinne könnten ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermitteln. 

„Eigentlich wünsche ich niemandem, dass er einen Volltreffer landet. Dann entsteht schnell der Eindruck, das Ganze sei ungefährlich und man macht weiter.“


Christian Horn

Hilfe wird oft erst spät gesucht

Laut Katja Bosse melden sich rund um große Fußballturniere vor allem Menschen, die bereits früher eine Glücksspielproblematik hatten und längere Zeit spielfrei waren. Der erhöhte Werbedruck und die allgegenwärtige Berichterstattung rund um den Fußball können einen starken Suchtdruck auslösen und das Rückfallrisiko erhöhen.
Menschen, die während einer WM oder EM erstmals mit Sportwetten in Berührung kommen und später eine Problematik entwickeln, suchen dagegen häufig erst dann Unterstützung, wenn bereits erhebliche Folgen eingetreten sind, beispielsweise Überschuldung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder familiäre Konflikte.

Was Betroffene und Angehörige tun können

Wer selbst merkt, dass Sportwetten immer mehr Raum im Alltag einnehmen oder finanzielle und persönliche Probleme entstehen, sollte möglichst früh handeln. „Ich würde raten, das Spielen sofort zu stoppen. Eine erste Schutzmaßnahme kann in dem Fall auch eine Selbstsperre über das deutschlandweite Sperrsystem OASIS sein. Und sich jemandem anzuvertrauen, das kann die Familie oder Freunde sein, aber eben auch eine Suchtberatungsstelle“, sagt Christian Horn. „Es muss keiner alleine schaffen“, betont er. „Es ist nicht nur völlig in Ordnung, sich Hilfe zu suchen, es ist sogar sehr schlau.“ Neben persönlichen Beratungsgesprächen bieten viele Suchtberatungsstellen auch anonyme Onlineberatungen per Chat oder Video an – kostenfrei und vertraulich. Das kann den ersten Schritt erleichtern. Je früher Unterstützung in Anspruch genommen wird, desto größer sind die Chancen, problematische Entwicklungen zu stoppen.

Nicht nur Betroffene selbst, sondern auch Angehörige und Freunde können eine wichtige Rolle spielen. Katja Bosse betont zudem, dass Eltern und andere Bezugspersonen eine wichtige Vorbildfunktion haben. Kinder und Jugendliche sollten möglichst nicht in Tippspiele oder ähnliche Wettformate einbezogen werden. „Wenn Jugendliche über Freundeskreise erstmals mit Sportwetten in Kontakt kommen, sollten Eltern und andere Bezugspersonen das Gespräch suchen: sachlich, ohne Vorwürfe und mit einer offenen Aufklärung über die Risiken“, erklärt sie.

Auch wenn Angehörige sich Sorgen um eine erwachsene Person machen, empfiehlt die Expertin, das Thema offen anzusprechen und Unterstützung anzubieten. „Hilfreich kann beispielsweise sein, gemeinsam eine Suchtberatungsstelle oder Schuldnerberatung aufzusuchen“, sagt Katja Bosse. Von finanzieller Unterstützung rät sie hingegen ab. „Das Übernehmen von Schulden oder das Verleihen von Geld kann dazu führen, dass problematisches Spielverhalten aufrechterhalten wird.“

„Wer sich für Sportwetten entscheidet, sollte sich im Vorfeld klare Grenzen setzen. Dazu gehören feste finanzielle und zeitliche Limits. Wichtig ist, diese regelmäßig zu überprüfen und konsequent einzuhalten, um einem problematischen Spielverhalten vorzubeugen.“


Katja Bosse

Warnsignale für problematisches Wettverhalten

  • Es wird häufiger oder mit höheren Einsätzen gewettet als ursprünglich geplant.
  • Verluste sollen durch weitere Wetten schnell wieder ausgeglichen werden.
  • Das Wetten nimmt immer mehr Zeit im Alltag ein.
  • Die Gedanken kreisen häufig um Spiele, Quoten oder die nächste Wette.
  • Familie, Freund oder Hobbys geraten zunehmend in den Hintergrund.
  • Über das Ausmaß der Wetten wird gegenüber Angehörigen oder Freunden nicht offen gesprochen.
  • Es entstehen finanzielle Probleme oder Schulden.

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