Wie entsteht Sucht? Warum greifen Menschen zu Alkohol oder anderen Substanzen – und welche Alternativen gibt es? Mit diesen und vielen weiteren Fragen setzten sich Schüler:innen aus den achten Klassen des Wolfenbütteler Gymnasiums im Schloss im Rahmen einer suchtpräventiven Klassenfahrt intensiv auseinander. Begleitet wurde die Fahrt von zwei Präventionsfachkräften des Lukas-Werks sowie Lehrkräften des Gymnasiums – Drei Tage Prävention, Austausch und Gemeinschaft im niedersächsischen Holle.
In diesem Jahr der regelmäßig stattfindenden suchtpräventiven Klassenfahrt lag der Schwerpunkt unter Berücksichtigung des bundesweiten Präventionsprogramms „HaLT – Hart am Limit“ auf dem Thema Alkohol. „Sucht- und Drogenprävention sind zwar auch Bestandteil des regulären Lehrplans, ich sehe den besonderen Wert dieser Fahrt jedoch vor allem darin, dass hier außerhalb von Schule und Unterricht mit jemandem aus der Praxis über dieses wichtige Thema gesprochen werden kann, mit dem alle Jugendlichen früher oder später konfrontiert werden“, betont Lehrkraft Michaela Röper.
Lernen außerhalb des Klassenzimmers
Und so tauschten sich die Jugendlichen fernab vom Unterricht über Themen aus, die sie im Alltag begleiten – oder künftig begleiten werden. Röper hob besonders hervor, dass die dreitägige Klassenfahrt genutzt werden konnte, um Jugendliche frühzeitig für das Thema Sucht zu sensibilisieren – in einer Umgebung, die Raum für Offenheit, Austausch und gemeinsames Erleben bietet.
Interaktive Prävention statt Frontalunterricht

Im Mittelpunkt der Klassenfahrt stand ein interaktives Präventionskonzept. In zwei großen thematischen Blöcken beschäftigten sich die Schüler:innen unter anderem mit der allgemeinen Bedeutung von Sucht, der Entstehung von Abhängigkeit, Alkohol und Cannabis, aber auch mit Schutzfaktoren und persönlichen Ressourcen. Methoden wie der „Suchtbeutel“, ein Alkoholquiz, Schätzspiele, Gruppendiskussionen und der Kurzfilm „Nuggets“ sorgten dafür, dass theoretische Inhalte greifbar und verständlich wurden. Besonders eindrücklich war für viele Jugendliche der Rauschbrillenparcours, bei dem sie selbst erleben konnten, wie stark Wahrnehmung und Koordination unter Alkoholeinfluss eingeschränkt sind. Fabienne Lohmann, Sozialarbeiterin (M.S.M.) und Präventionsfachkraft des Lukas-Werks in der Fachambulanz Sucht in Wolfenbüttel erklärt:
„Uns ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht nur Zahlen und Fakten hören, sondern eigene Erfahrungen machen und ins Gespräch kommen. Viele merken dabei erst, wie schnell Grenzen verschwimmen können – und dass es völlig in Ordnung ist, diese Grenzen für sich klar zu definieren.“
Schutzfaktoren, Glücksmomente und Alternativen
Neben Risiken und Gefahren lag ein zentraler Fokus auf Schutzfaktoren und gesunden Alternativen. In Gruppenarbeiten setzten sich die Schüler:innen mit sogenannten „Glücksmomenten“ auseinander, gestalteten Plakate und sammelten Ideen, wie man mit Stress, Gruppendruck oder schwierigen Gefühlen umgehen kann – ganz ohne Alkohol oder Drogen.

„Wir wollen Jugendliche stärken und ihnen zeigen, dass sie bereits viele Ressourcen in sich tragen“, sagt Anna-Lena Garz-Muschinsky, Präventionsfachkraft in der Fachambulanz Sucht. „Wenn junge Menschen erkennen, was ihnen guttut und welche Alternativen es gibt, ist das ein wichtiger Schutz vor riskantem Konsum.“
Auch die Wege aus einer Sucht wurden thematisiert. Dabei stellten die Präventionskräfte die unterschiedlichen Arbeitsbereiche des Lukas-Werks vor und machten deutlich, dass Hilfeangebote niedrigschwellig und erreichbar sind.
Gemeinschaft erleben – auch am Abend

Das Abendprogramm war bewusst so gestaltet, dass Gemeinschaft, Spaß und Prävention miteinander verbunden wurden. Neben einer gemeinsamen Nachtwanderung war die alkoholfreie Cocktailparty eines der Highlights der Fahrt. In kleinen Gruppen entwickelten die Jugendlichen eigene Cocktailkreationen, gaben ihnen Namen und präsentierten sie in einem kleinen Wettbewerb. Viele Schüler:innen betonten, dass die Mischung aus Information, Praxis und gemeinsamer Zeit den Klassenzusammenhalt gestärkt habe. Am letzten Tag reflektierten die Klassen gemeinsam die Fahrt. Die Jugendlichen überlegten, welche Inhalte sie als Multiplikator:innen in ihre Klassen mitnehmen möchten, gaben Feedback und erhielten Infomaterialien sowie Goodie-Taschen. „Die Fahrt war toll, weil alles super geplant war, es nicht nur Theorie gab, sondern auch viel Praxis“, fasst eine Schülerin zusammen.
Stimmen aus der Schülerschaft
„Mir hat die Fahrt sehr gefallen, weil man viel gelernt hat und es spannend gestaltet wurde. Der Zusammenhalt wurde sehr gestärkt.“
„Die Zeit war sehr schön hier und die Aktivitäten haben viel Spaß gemacht. Am meisten gefallen hat mit der alkoholfreie Cocktail-Wettbewerb ganz am Ende.“
„Eine sehr informative und spaßige Fahrt, wo man viel lernen konnte und gleichzeitig Spaß hatte. Die beste Aktivität war das Quiz zu spielen.“
„Die Suchtpräventionsfahrt war sehr interessant, vor allem die praktischen Übungen, wie die Rauschbrille“
„Ich fand die komplette Fahrt super, weil alles super geplant war, es nicht nur Theorie gab, sondern auch viel Praxis.“
Prävention, die ankommt
„Wir freuen uns, dass die suchtpräventive Klassenfahrt so gut ankommt“, zog Fabienne Lohmann am Ende ihr Fazit. Das zeige auch wie wirksam Präventionsarbeit sein kann, wenn sie lebensnah, partizipativ und wertschätzend gestaltet werde. „Uns ist es besonders wichtig, junge Menschen frühzeitig zu erreichen, zu stärken und zum Nachdenken anzuregen – im Sinne von „HaLT – Hart am Limit“, aber vor allem im Sinne eines gesunden Aufwachsens“, ergänzt Anna-Lena Garz-Muschinsky.
Die einzelnen Bausteine im Überblick
Zeitraum: 14.–16.01.2026
Teilnehmende: 24 Schüler:innen
Ort: Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Haus Wohldenberg
Begleitung: Fabienne Lohmann, Anna-Lena Garz-Muschinsky (Präventionsfachkräfte Lukas-Werk Fachambulanz Sucht Wolfenbüttel); Michaela Röper, Matthias Mohr (Lehrkräfte Gymnasium im Schloss Wolfenbüttel)
Schwerpunkt Klassenfahrt 2026: Alkoholprävention unter Berücksichtigung des bundesweiten Alkoholpräventionsprogramms „HaLT – Hart am Limit“ (https://www.halt.de/)
Im Baustein „Sucht allgemein“ setzten sich die Schüler:innen auf vielfältige und interaktive Weise mit dem Thema Abhängigkeit auseinander. Mithilfe des sogenannten Suchtbeutels wurde gemeinsam erarbeitet, wovon Menschen abhängig werden können. Dabei ordneten die Jugendlichen verschiedene Substanzen und Verhaltensweisen den Kategorien „legal/illegal“ sowie „stoffgebunden/stoffungebunden“ zu. Thematisiert wurden unter anderem Alkohol, Zigaretten und Vapes, illegale Drogen, Glücksspiel, Medien- und Handynutzung, Zucker, Kaffee und Energy-Drinks.
Anschließend beschäftigte sich die Gruppe mit dem Verlauf einer Sucht. Typische Phasen wurden erarbeitet und anhand konkreter Fallbeispiele reflektiert. So konnten die Jugendlichen nachvollziehen, wie sich riskantes Konsumverhalten schrittweise zu einer Abhängigkeit entwickeln kann. Der Kurzfilm *„Nuggets“* verdeutlichte diesen Prozess zusätzlich und zeigte anschaulich die Auswirkungen einer Sucht auf Verhalten, Körper und Persönlichkeit. Abgerundet wurde der Baustein durch die Auseinandersetzung mit Abhängigkeitskriterien wie Toleranzentwicklung, Kontrollverlust sowie körperlichen und sozialen Folgen.
Im Rahmen des bundesweiten Alkoholpräventionsprogramms „HaLT – Hart am Limit“ der Villa Schöpflin (https://www.halt.de/ ) nahmen die Schüler:innen an einem interaktiven Alkohol-Quiz teil. In Teams setzten sie sich mit Fragen zu Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen, dem Jugendschutzgesetz in Theorie und Praxis, Alkohol im Allgemeinen sowie Alkohol am Arbeitsplatz auseinander. Ergänzt wurde das Quiz durch kreative Aktionsformen, bei denen Begriffe erklärt, gemalt oder pantomimisch dargestellt wurden. Durch diese spielerische Herangehensweise konnten rechtliche Grundlagen, gesundheitliche Risiken und Alltagsfragen rund um Alkohol praxisnah und altersgerecht vermittelt werden.
Im Baustein „Anonyme Fragen“ erhielt jede Schülerin und jeder Schüler die Möglichkeit, anonym Fragen zu stellen, persönliche Gedanken zu teilen oder Feedback zu geben. Die Fragen wurden gesammelt und im zweiten Präventionsblock gemeinsam beantwortet. Dieser Baustein bot einen geschützten Raum, in dem auch sensible oder persönliche Themen rund um Sucht angesprochen werden konnten. Er förderte Offenheit, Vertrauen und ermöglichte es den Jugendlichen, Fragen zu stellen, die sie im offenen Gruppensetting möglicherweise nicht geäußert hätten.
Der Rauschbrillen-Parcours machte die Auswirkungen von Alkohol auf Wahrnehmung, Gleichgewicht und Koordination unmittelbar erfahrbar. In verschiedenen Stationen konnten die Schülerinnen und Schüler erleben, wie stark alltägliche Bewegungen unter Alkoholeinfluss beeinträchtigt werden. In der anschließenden Reflexion setzten sich die Jugendlichen mit den erlebten Unsicherheiten auseinander und diskutierten kritisch, wie Alkohol die eigene Sicherheit sowie die Wirkung auf Außenstehende beeinflusst – insbesondere im Hinblick auf den sicheren Heimweg.
Im Baustein „Zahlen, Daten, Fakten“ beschäftigten sich die Schüler:innen spielerisch mit der Verbreitung von Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland. In einem „1-2-oder-3“-Spiel schätzten sie Zahlen zu verschiedenen Suchterkrankungen und kamen darüber ins Gespräch. Anschließend wurde thematisiert, wie viele Kinder in suchtbelasteten Familien leben und warum es wichtig ist, Sucht offen anzusprechen und nicht zu tabuisieren. Ziel war es, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen und Vorurteile abzubauen.
In diesem Baustein erhielten die Schüler:innen einen Überblick über Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten bei Abhängigkeitserkrankungen. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Arbeitsbereiche des Lukas-Werks vorgestellt. Ziel war es zu vermitteln, dass Hilfe möglich und erreichbar ist – sowohl für Menschen mit eigener Suchterkrankung als auch für Angehörige. Gleichzeitig wurde aufgezeigt, welche Unterstützungsangebote es gibt und wie Zugänge zu Hilfe aussehen können.
Im kreativen Baustein „Hormonrausch“ setzten sich die Schüler:innen mit den Ursachen von Sucht auseinander. In Gruppen entwickelten sie eine fiktive „Wunderdroge“ mit scheinbar ausschließlich positiven Wirkungen. In der anschließenden Diskussion wurde kritisch hinterfragt, ob eine Substanz ohne Nebenwirkungen und ohne Suchtpotenzial realistisch sein kann. Ergänzend wurde thematisiert, warum Menschen süchtig werden und welche Rolle Gefühle, Stress und soziale Situationen dabei spielen. Im „Ideenkarussell“ sammelten die Jugendlichen alltagstaugliche Alternativen für den Umgang mit belastenden Gefühlen. In einer ruhigen Arbeitsphase gestaltete jede:r ein persönliches „Glücksmomente“-Plakat“, um eigene Ressourcen bewusst wahrzunehmen und Schutzfaktoren gegen Sucht zu stärken.
Als gemeinsamer Abschluss von zwei intensiven Tagen fand eine alkoholfreie Cocktailparty statt. In einem Wettbewerb entwickelten die Schüler:innen eigene Cocktailkreationen. In die Bewertung flossen unter anderem Geschmack, Kreativität und Präsentation ein. Der Baustein zeigte praxisnah, dass gemeinsames Feiern und Geselligkeit auch ohne Alkohol möglich sind und Spaß machen können.
Vorbeugen ist der beste Weg
Je früher Suchtprävention Menschen erreicht, desto mehr kann sie bewirken. Bei der Stärkung der eigenen Fähigkeiten, des Selbstvertrauens, der Konfliktfähigkeit, aber auch des Genussempfindens ist Suchtprävention eine hervorragende Hilfe.
