Janneke Lübsen-Gentsch arbeitet in der Mutter-Kind-Vorsorgeklinik “Haus am Deich”. Zum Weltfrauentag spricht sie im Interview über die Herausforderungen, denen Frauen heute oft begegnen - und welche gesellschaftlichen Veränderungen sie sich wünscht.
Wenn Mütter zur Kur kommen, bringen sie oft mehr mit als nur Koffer: Erschöpfung, hohe Erwartungen an sich selbst und die täglichen und gesellschaftlichen Ansprüche. In der Regenesa-Vorsorgeklinik „Haus am Deich“ in Norddeich begleiten die vier Mitarbeiter:innen des psychosozialen Teams die jeweils 46 Frauen individuell während ihrer dreiwöchigen Mutter-Kind-Kur. Teamleiterin Janneke Lübsen-Gentsch kennt die Sorgen und Belastungen der Mütter aus erster Hand. Zum Weltfrauentag spricht sie im Interview darüber, warum psychosoziale Unterstützung so wichtig ist, welche Herausforderungen Frauen heute besonders prägen und welche gesellschaftlichen Veränderungen sie sich wünscht.

Der Internationale Frauentag steht für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen. Was bedeutet der Tag für Sie persönlich?
Ich bin selbst Mutter von drei Kindern, berufstätig mit einem langen Arbeitsweg und sehe mich vor ähnliche Herausforderungen wie viele Frauen gestellt. In meinem Alltag erlebe ich mich als Vorbild und Gestalterin dessen, was Gleichstellung, Solidarität untereinander und ein selbstbestimmtes Leben ausmachen – einerseits in meiner Rolle als Mutter, aber auch hier als Teamleiterin. Trotz vieler positiver Tendenzen in Richtung Gleichstellung sind auch weiterhin vielfältige strukturelle Hindernisse vorhanden: der immer noch vorhandene Gender- Pay-Gap, Frauen, die nach wie vor den überwiegenden Anteil von Care-Arbeit übernehmen, unzureichende Kinderbetreuung. Hier ist noch viel Luft nach oben – dies wird auch in meiner täglichen Arbeit sichtbar. Ein einzelner Tag mag die Aufmerksamkeit und Bewusstheit auf dieses Thema punktuell richten. Das ist wichtig und richtig! Wir setzen in unserer Arbeit genau an diesen Herausforderungen an, um Frauen das ganze Jahr über in ihrer Position, Selbstbestimmung und Intuition zu stärken, für sich einzustehen, Selbstverantwortung zu leben und Netzwerke in ihrem Alltag schaffen zu können. Für uns ist das ganze Jahr Weltfrauentag.
Durch Ihre Arbeit haben Sie einen tiefen Einblick in die unterschiedlichsten Situationen von Frauen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Belastungen, denen Frauen heute ausgesetzt sind – sei es im Berufsleben, in der Familie oder in der Gesellschaft?
Die Belastungen der Frauen, die zu uns kommen sind sehr vielfältig. Der überwiegende Teil beschreibt eine ausgeprägte Erschöpfung durch eine Vielzahl von parallellaufenden Aufgaben wie beispielsweise Berufstätigkeit, Kinder, Haushalt, gegebenenfalls Pflege der eigenen Eltern. Diese zeigt sich dann in unterschiedlichen körperlichen oder psychischen Symptomen. Die gesellschaftlichen Belastungen reichen von Unsicherheit durch die Abkehr von starren, traditionellen Geschlechts- und Rollenzuschreibungen über Arbeitsverdichtung und erhöhte Anforderungen im beruflichen Kontext zu weniger ausgeprägten familiären Netzwerken, die eine verlässliche Unterstützung bieten. Ein weiteres Thema sind oft auch Partnerschaftskonflikte sowie sozialmedialer Druck. Auch die Begleitung der Kinder mit immer häufiger auftretenden Verhaltensauffälligkeiten und Neurodivergenz wird zunehmend als Herausforderung erlebt und Mütter fühlen sich dann nicht mehr handlungsfähig.

Wie begegnen Sie diesen Frauen in der Kur? Wie bearbeiten Sie diese Herausforderungen gemeinsam?
Mit der zu Beginn dieses Jahres vorgenommenen Neuausrichtung der Konzeption in unserer Klinik legen wir bewusst einen Schwerpunkt auf die Unterstützung einer ganzheitlich ausgerichteten Vorsorge und Gesundheitsförderung. Neben einem Fokus auf medizinischen/sporttherapeutischen Angeboten, sollen vor allem die vielfältigen Workshops im psychosozialen Bereich eine individuelle Auseinandersetzung der Frauen mit verschiedenen Themen ermöglichen. Die Themen sind beispielsweise Identitätsfragen, innere Antreiber und Glaubenssätze, Kommunikation, Stress, Konflikte und Bedarfe in Erziehungsverantwortung. Dabei möchten wir den Müttern zunächst einen sicheren und geschützten Rahmen durch verlässliche Tagesstruktur geben und Selbstverantwortung stärken. Durch eine individuelle Therapieplanung können dann idealerweise ein Prozess der Entwicklung mit intensivem Kontakt zu sich selbst, zu den Kindern, Sicherheit in der Begleitung der Kinder und Strategien für die Gestaltung des Alltags begonnen werden. Darüber hinaus liegt der Fokus auf Mutter-Kind-Interaktionen und dem Erleben bewusster Momente von gemeinsamer Nähe im Abstand vom Alltag.
Mit unseren Angeboten schaffen wir einen Rahmen, in dem die Mütter selbst und gemeinsam mit ihren Kindern Abstand vom Alltag Zeit zur bewussten Reflexion ihrer Lebenswelt haben, nützliche und wertvolle gemeinsame Momente schaffen und einen Perspektivwechsel vornehmen können. Im Idealfall reisen sie gestärkt und mit neuen Ideen für Veränderungen in ihrem Alltag, im Berufskontext sowie in der Partnerschaft und Familie ab.
Hat sich das Bewusstsein für Frauengesundheit in den letzten Jahren verändert? Gibt es positive Entwicklungen?
Der Bewusstheit für Frauengesundheit und den Rechten von Frauen wird beispielsweise dadurch Rechnung getragen, dass es weiterhin die Möglichkeit für die Teilnahme an Vorsorgemaßnahmen gibt. Dies sollte in jedem Fall fortgeführt werden. Positiv finde ich auch, dass Forschung und Medizin sich zunehmend auf eine frauenspezifische Sichtweise ausrichten und hier passgenauere Angebote gemacht werden können.
Welche gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen wünschen Sie sich zur langfristigen Verbesserung der Gesundheit von Frauen?
Gesellschaftlich bräuchte es eine Entwicklung zu mehr Akzeptanz für Pluralität und unterschiedliche Lebensweisen, die Etablierung von Netzwerken auch über traditionelle Familienstrukturen hinaus und dass Unterstützung in der Rolle als Eltern mehr Bedeutung und Anerkennung findet. Gerade in der Art und Weise der Kommunikation könnten politische Entscheidungsträger ansetzen – welcher Blick wird auf Frauen gelegt, was wurde bereits umgesetzt, wo gibt es noch unvollendete Ziele. Der oftmals genannte Ausbau von Betreuungsangeboten reicht sicherlich nicht aus!

Gibt es eine Geschichte oder Erfahrung aus Ihrer Arbeit, die für Sie besonders zeigt, wie wichtig psychosoziale Unterstützung für Frauen und Mütter ist – vielleicht auch in Hinblick auf Selbstwert und Resilienz?
Eine Mutter kam mit ihrem achtjährigen Sohn für drei Wochen in unsere Mutter-Kind-Klinik „Haus am Deich“. Nach einer langen Phase der Überforderung und Selbstzweifel war sie sehr erschöpft. Im Aufnahmegespräch sagte sie: „Ich habe das Gefühl, als Mutter zu versagen.“ In den ersten Tagen war sie sehr zurückhaltend. Durch die psychosozialen Einzelgespräche, die Gruppenangebote mit anderen Müttern und die behutsame Einbindung ihres Sohnes in pädagogische und Mutter-Kind-Aktivitäten begann sie jedoch, ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen.
Besonders berührend war ein Moment in einem Eltern-Kind-Angebot: Ihr Sohn sagte vor der Gruppe, wie stolz er auf seine Mama sei, „weil sie sich Hilfe holt“. Dieser Satz veränderte etwas in ihr. Sie begann, sich nicht mehr als „schwach“, sondern als verantwortungsvoll zu sehen. Gegen Ende des Aufenthalts trat sie deutlich selbstbewusster auf, setzte klare Grenzen und formulierte konkrete Schritte für ihren Alltag zu Hause. Für mich zeigt diese Erfahrung sehr deutlich, wie wichtig psychosoziale Unterstützung ist: Sie stärkt nicht nur die psychische Stabilität, sondern auch den Selbstwert – und damit die Resilienz von Müttern und ihren Kindern gleichermaßen.
Gibt es eine Botschaft, die Sie Frauen gerade an einem Tag wie dem Frauentag mitgeben möchten?
Ich finde wichtig, den Zusammenhalt der Frauen untereinander, Solidarität zu betonen. Selbstwert und Individualität zu leben, ohne sich dabei an einem tradierten, oft „männlich“ orientieren Ideal zu orientieren, sondern wirkliche Gleichwertigkeit zu leben wäre ein wichtiger Schritt. Eine große Herausforderung dabei ist sicherlich, Zugang zu dem inneren Selbst zu finden und daraus Kraft zu schöpfen.